Top Ten Thursday – Positive Überraschungen

Ich habe schon längere Zeit nicht mehr an Aktionen – mit Ausnahme von Tags – teilgenommen. Denn heute hoffe ich, mit diesem Beitrag wirklich ein wenig Mehrwert für euch Leser generieren zu können.

Dabei kommt die heutige, von Steffi gestellte Aufgabe, 10 Bücher vorzustellen, von denen ich nicht gedacht hätte, dass sie mir gefallen fast ein bisschen zu früh. Gerade habe ich etwa 40 Bücher aus meinen Regalen aussortiert, weil ich sie anlesen möchte, um ihnen noch eine Chance zu geben, aber nicht wirklich daran glaube, dass sie mich noch interessieren werden. Bisher habe ich aber erst eines davon auch nur angeblättert.

Dennoch finden sich auch in meinem Gelesen-Regal einige Bücher, die mich positiv überrascht haben und die ich euch vorstellen möchte.

 

Kategorie ‚Moralisch wertvolle Schullektüre‘

Schullektüre ist immer so eine Sache. Wir werden dazu gezwungen, was – wie ich glaube – unsere Bewertung der Bücher schon negativ beeinträchtigt. (Ein Grund, warum ich für 2018 eine Challenge plane, um alte Schullektüre erneut zu lesen und neu zu bewerten.) Und doch gibt es auch darunter ab und an ein Juwel, das uns bis ins Erwachsenenleben beeinflusst und sich trotz der schlechten Grundvoraussetzung in unser Herz einschleicht.

Bildergebnis für reclam nathan der weiseDie JudenZugegeben, die Juden habe ich nicht in der Schule gelesen. Aber thematisch sind sie sehr eng mit Nathan verwandt und der Grund, warum Lessing sich nur noch weiter als mein Lieblingsklassiker verfestigt hat.
Er stellte sich dem Zeitgeist entgegen und argumentierte, ohne zu sehr erhobenen Zeigefinger, teils mit Humor und teils mit Einfühlungsvermögen, warum Juden (und Muslime) nicht anhand ihrer Religion zu bewerten sind. Obwohl ich diese Botschaft nicht brauchte, als Kind, das mit Star Trek und der Liebe zur Vielfalt aufwuchs, fand ich es doch beeindruckend, dass ein Schriftsteller in einer Zeit, in der Juden schon mit Argwohn betrachtet wurden, nicht nur dagegen ankämpfte, sondern auch noch damit Erfolg hatte und schon zu Lebzeiten geachtet war. Nathan der Weise, ebenso wie die Juden, sind in meinen Augen heute eine Pflichtlektüre. Aber damals, als ich Nathan vorgesetzt bekam, dachte ich mir nur „Och neee, nicht noch so ein verstaubter Klassiker.“ Und obwohl ich es später hätte besser wissen müssten, habe ich aufgrund des plakativen Titels der Juden hier befürchtet, dass Lessing mich nun abstoßen würde. Aber ich lag natürlich falsch. In einer Geschichte der Irrungen und Wirrungen erzählt er hier von einem hilfreichen Juden, der freundlich und gar als Held behandelt wird, solange seine Religion nicht bekannt ist. Was dann geschieht, müsst ihr schon selbst lesen. Warum sonst stelle ich Bücher vor, wenn nicht, um euch zum Lesen zu bewegen?

To Kill a MockingbirdUnd dann war da noch das hier. Das ist das einzige Schulbuch, das ich je zu Ende gelesen habe, obwohl das nicht verlangt wurde. Meine Tutorin im Englisch-LK hat damals dann beschlossen, dass wir das Ende zeitlich nicht mehr schaffen und sie es uns (trotz Zentralabitur) frei stellt. Die wichtigsten Punkte hätten wir schon besprochen? Was macht Klein Taaya? Sie packt es als Lektüre mit für die Kursfahrt nach London ein, weil sie es schnell zu Ende lesen will.
Ich weiß, To Kill A Mockingbird ist in letzter Zeit auf Blogs kritisch besprochen worden, weil Atticus, der Vater der Protagonistin, zwar einen angeklagten Schwarzen vor Gericht vertritt, und sich damit dem Unmut seiner Gemeinde aussetzt, aber er dennoch nicht ansonsten gegen Diskriminierung ankämpft. Was dabei nicht bedacht wird, ist, dass er ein Kind seiner Zeit war. Das hätte ihn, einen alleinerziehenden Vater zweier Kinder, zum Lynchopfer machen können, hätte er alleine in den Südstaaten der damaligen Zeit, gegen die weißen Rassisten angekämpft. Mehr, als er es eh schon tat.
Für mich war das Buch fast wie ein Befreiungsschlag. Die weibliche Protagonistin ließ sich nicht in weibliche Klischees pressen und weigerte sich, Denkweisen zu übernehmen, nur, weil Erwachsene diese für richtig hielten, ohne sie zu hinterfragen. Dazu kam noch ihr Vater, der – zu Recht – als einer der Traummänner der Literaturgeschichte gilt. Und die Erkenntnis, dass nicht immer alles ist, wie es scheint. (Boo Radley.) Und ich merke, dass ich es dringend wieder lesen müsste, weil ich mich zwar noch erinnere, was es mir bedeutete, aber nicht, wie die Geschichte ausging. Vielleicht lässt sich ja im Rahmen meiner Lesechallenge 2018 eine Leserunde organisieren?

 

Kategorie ‚Genres, die ich sonst nicht so mag‘

NimonaAuch ich gehörte zu denen, die bisher der Meinung waren, Graphic Novels wären keine richtigen Bücher. Mickey Maus zwar eine gute Unterhaltung für Ärztewartezimmer, aber doch keine Literatur. Als aber immer mehr Buchblogger auch Graphic Novels rezensierten, habe ich mich entschieden, dem Genre doch eine Chance zu geben. Man sagte mir, Nimona sei für Anfänger gut.
Als ich es aufschlug, fand ich es schlecht gezeichnet, viel zu einfach. Und dann kam ich für eine Weile nicht richtig rein, mir fehlten Informationen über die Charaktere. Doch je länger ich las, desto mehr verliebte ich mich in die Geschichte von Nimona, der Gestaltwandlerin. Vor allem wegen Ballister, dem edlen Bösewicht, der gegen das vermeintlich Gute kämpft und sich dabei nicht wirklich klug anstellt. Jetzt gehört dieses Buch zu denen, die ich nicht mehr aus meinem Regal weggeben würde. Und ich hoffe auf eine Fortsetzung. Aber zumindest eine Verfilmung ist wohl geplant.

Talking As Fast As I Can: From Gilmore Girls to Gilmore Girls, and Everything in BetweenHier war mir eigentlich sofort klar, dass ich es lesen wollte. Aber gleichzeitig hatte ich Sorgen. Biographien waren noch nie meine Welt. Ich finde mein eigenes Leben schon nicht sonderlich interessant, warum sollte ich mich dann so sehr für das Leben Anderer interessieren, dass ich mich darüber mehrere Stunden lang informieren würde?
Viel kann ich nicht über den Inhalt verraten, weil es ja nicht in dem Sinne eine Geschichte ist. Aber Lauren Grahams Leben war deutlich bewegter, als ich das je erwartet hätte, und sie hat eine Art, das zu beschreiben, die sehr nach ihrer Rolle der Lorelai Gilmore klingt. Es hat Spaß gemacht, sich durch ihr Leben zu hören. (Ja, ich habe leider nur das Hörbuch ergattern können. Aber das ist sogar besser, denn sie liest selbst. So hat man gleich noch die passende Stimme dazu auf den Ohren.

SilbertodHier habe ich erst gedacht, dass es mir gefällt. Denn der Vorgängerband ‚Das schwarze Buch der Geheimnisse‘ war eher Fantasy, mit einem Hauch des Mysteriösen. Als Silbertod sich aber als Krimi entpuppte, hatte ich zunächst keine Lust, weiter zu lesen. Ich bin kein Freund von Kriminalgeschichten. Eigentlich kann man mich mit denen sogar jagen, wenn sie nicht gerade humoristisch sind, wie beispielsweise der Münsteraner Tatort.
Dann hat mich F. E. Higgins‘ Schreibweise aber doch gepackt und die Geschichte von Pin, der versucht, seinen des Mordes beschuldigten Vater zu entlasten, begann, mich zu interessieren. Teilweise war es zwar etwas vorhersehbar, aber insgesamt doch sehr schön zu lesen.

Lists of Note: Aufzeichnungen, die die Welt bedeuten

Auch hier habe ich erst gezweifelt. Ich konnte mir schon vorstellen, dass das eine oder andere interessante Manuskript drin sein könnte. Aber eine ganze Sammlung nur mit Listen? Dass ich das Buch nicht nur als ‚okay‘ abnicken, sondern wirklich mögen könnte, hätte ich nicht erwartet. Und tatsächlich ist nicht jede einzelne Liste darin wirklich spannend. Aber es sind letztlich doch sehr viele darin, die spätestens auf den zweiten Blick interessant sind – und einige sind sogar inspirierend. Darunter die Liste eines Horror-Autors, welche Ideen man noch für Romane verwenden könnte. Andere sind witzig und wieder andere ließen mich daran zweifeln, dass wir wirklich höher entwickelt sind als jede Kultur vor uns. Die alten Ägypter durften sich beim Pyramidenbau frei nehmen, wenn ihre Frauen ihre Tage hatten, um sie zu umsorgen! Warum haben wir das nicht?
So habe ich das Buch als vollumfänglich sein Geld wert kennen gelernt und schätze es sehr.

 

Kategorie ‚Hm, mal schauen …‘

Die letzten Tage von Rabbit HayesRabbit Hayes hat Krebs. Das Buch fängt an dem Tag an, als sie ins Hospiz kommt und begleitet sie bis zu ihrem Tod. Es ist also von der ersten Seite an klar, wo es hin geht. Wie es endet. So stehen vor allem die Nebenhandlungen – was wird aus ihrer Tochter, wie kommt es, dass sie ihren Traummann nicht geheiratet hat? – im Mittelpunkt des Romans.
Schon wegen des Themas habe ich bezweifelt, dass die Empfehlung meiner Mutter mir zusagt. Meine beiden Großmütter sind an Krebs gestorben und damit ist das Dahinsiechen eher etwas, was bei mir nicht nur nicht objektiv betrachtet werden kann, sondern auch besonders belastet.
Aber Anna McPartlin schreibt mit einer Leichtigkeit, die einen die meiste Zeit vergessen lässt, wie schwer das Leid von Krebs und Tod wiegt. Sie schafft es, den Leser dennoch gut zu unterhalten und nicht zu rührselig zu schreiben, den Tod den größten Teil des Buches gar nicht so sehr an Leser und Charaktere herankommen zu lassen. Sehr angenehm zu lesen und eine schöne Geschichte, auch, wenn ich mir noch ein etwas anderes Ende für die Nebenfiguren gewünscht hätte.

Da gehen doch nur Bekloppte hin

Das nächste Buch hatte ich mir wegen des reißerischen Titels aus der Bibliothek ausgeliehen, was schon selten genug ist. Ich mag Bibliotheksbücher eigentlich nicht, weil man mit ihnen zu vorsichtig sein muss.
Aus dem Alltag einer Psychotherapeutin klang eigentlich danach, als würde Frau Jolander hier die witzigsten, absurdesten oder traurigsten Geschichten erzählen. Statt dessen ist das Buch eigentlich eher ein Anleitung zur Seelenhygiene. Sie räumt mit Klischees auf, gibt Ratschläge, wann Therapien hilfreich sind und wann nicht, und gibt dem Leser kleine Übungen an die Hand, mit denen er selbst seiner Psyche zu etwas Ruhe verhelfen kann, um vielleicht so dafür zu sorgen, dass der Leidensdruck nie so groß wird, dass er wirklich eine Therapie braucht.
Lustig war das Buch dabei gar nicht. Es kamen auch keinerlei Geschichten vor, weshalb ich es anfangs wegen ‚Thema verfehlt‘ wieder weglegen wollte. Aber dann habe ich mich festgelesen und es ist wirklich jede Minute wert gewesen.

Lieber Mischa (...der du fast Schlomo Adolf Grinblum geheissen hättest, es tut mir so leid, dass ich dir das nicht ersparen konnte: Du bist ein Jude)Und noch einmal ein Buch zum Thema Vorurteile und vielleicht sogar Rassismus. Hier schreibt Lena Gorelik für ihren Sohn und klärt ihn darüber auf, was es bedeutet, als Jude geboren worden zu sein.
Zuerst war ich skeptisch. Damals habe ich noch nicht so viele Sachbücher gelesen, und bei der Thematik hatte ich auch Sorgen. Sorgen, dass es zu plakativ wird. Oder mich vielleicht sogar mit eigenen, trotz Lessing noch nicht ausgetriebenen Vorurteilen konfrontiert, von denen ich noch gar nichts ahnte?
Aber die Autorin schreibt lustig, herzerwärmend und einfach nur schön. Und ja, ich habe Vorurteile. Sie hat mir das wieder gezeigt. Zwar nur die Guten. Die, dass Juden den lustigeren Humor haben und besser – positiv gesehen – streiten können. Aber auch die sollte ich überwinden. Auch positive Vorurteile sind Vorurteile. Dass man anhand kleiner Erfahrungen einen ganze Menschengruppe über einen Kamm schert, was keinem dieser Menschen gerecht werden kann.
So hat Gorelik mich nicht nur unterhalten, sondern mir auch die Augen dafür geöffnet, dass auch ich mein Verhalten und meine Meinungen viel kritischer überdenken sollte. Auch wenn das Klischee des guten Humors bei ihr zutrifft.

 

Und damit bin ich jetzt auch endlich durch mit meinen Empfehlungen. Ich habe ja nur zwei volle Stunden daran gesessen. Habt ihr denn auch Bücher, die euch unglaublich positiv überrascht haben? Immer her damit, meine Wunschliste wächst gern.

12 Gedanken zu “Top Ten Thursday – Positive Überraschungen

  1. Hallo,
    von deinen Büchern habe ich nur Harper Lee gelesen (und geliebt, vielleicht hätte ich es auch auf meine Liste setzen sollen, nachdem es kein aktuelles Buch ist hätte es gut gepasst).
    Von den beiden Reclamheftchen habe ich schon mal gehört, aber sie noch nie gelesen (ob ich das auch jemals tun werde bleibt fraglich).
    Den Rest kenne ich nicht. Aber ich bin überrascht, dass es eine Biografie von Lauren Graham gibt..vielleicht sollte ich auch mal versuchen sie zu ergattern.
    Liebe Grüße
    Martin

    • Huhu Martin,

      ich empfehle es. Wenn du gut in Englisch bist, auch wirklich das Hörbuch, es ist toll. Vielleicht einfach mal reinhören, ob dir die Art gefällt? 🙂

      LG

          • Oh mein Gott, da muss ich mich erst reinhören…ich fand ja schon die Serie anstrengend (aber es lohnte sich das original anzuschauen, auf deutsch sind sie schnell, aber im Original…WOW).
            Ein Grund mehr das Hörbuch zu suchen.
            😉
            LG
            M

          • Hehe, aus irgendeinem Grund hatte ich mit den Gilmores immer weit weniger Probleme als mit den meisten anderen Serien. Amerikanisch ist normalerweise nicht meins, lieber britisches Englisch. Aber Gilmores klappten.

          • Ich hatte bisher nur bei den Gilmore und bei farbigen Darstellern das Problem des Nichtverstehens (und den Schotten, aber da bin ich mir noch nicht sicher ob die englisch sprechen)

          • Hehe, ohja, Schotten, wenn sie schnell sprechen. Dabei liebe ich den schottischen Dialekt.

            Bei Schwarzen kommt es an. Wenn sie Slang reden, komm ich genauso wenig hinterher, wie bei Südstaatendialekt.

            Oh, richtig schlimm ist Australisch. Robert Chase bei Dr. House. Wäääääh.

  2. Hallo Taaya,

    ,,To kill a mockingbird“ habe ich mir in diesem Jahr vorgenommen und es hat mir auch gut gefallen – trotz der von vielen Seiten geäußerten Kritik. Lees zweites Buch ,,Gehe hin, stelle einen Wächter“, dann allerdings überhaupt nicht, obwohl die Protagonistin hier noch sehr viel emanzipierter ist. Wir hatten damals noch die Schullektüre „Brave New World“, die ich gut fand.

    Nach deinen Anmerkungen zu Lessing gefallen dir vielleicht auch ,,Jud Süß“ von Feuchtwanger (besonders, wenn du gern historische Romane liest) und die Romane von Deborah Feldman ,,Unorthodox“ und ,,Überbitten“.

    Viele Grüße, Jana

  3. Nach diesem Beitrag ist Nathan auf jeden Fall auf meiner Leseliste gelandet, Mockingbird stand schon drauf. Ich hoffe ich komme demnächst mal dazu, sie zu lesen, jetzt bin ich nämlich wirklich gespannt. Ich muss sagen, dass ich bei Klassikern sehr selten weiß, worum es überhaupt geht, sondern nur ob andere finden, dass man sie gelesen haben sollte. 😀
    Um Nimona habe ich bisher eher einen Bogen gemacht, weil ich ebenfalls nicht denke, dass Graphic Novels mein Ding sind (ich konnte auch mit Comics oder Manga nie was anfangen), aber ich werde immer neugieriger und werde es mir vielleicht doch irgendwann mal zulegen.
    Positiv überrascht war ich auf jeden Fall von „Die Physiker“, die einzige Schullektüre die mir so richtig gefallen hat. Seitdem habe ich das Buch auch noch 2-3 mal gelesen.

    Liebe Grüße!

    • Hehe, die Physiker konnten mich leider nie wirklich überraschen. Die haben wir gleich zwei Mal in der Theater-AG gespielt. Und da wir grundsätzlich nur Stücke gespielt haben, die zumindest stellenweise lustig sind, war von Anfang an klar, dass sie gut sein würden.

      Bzgl. Nimona und Nathan: Leih sie dir notfalls in der Bibliothek. Dann ist die Enttäuschung, falls du sie doch nicht magst, nicht zu groß. Ich meine, ich liebe beide, aber Geschmäcker sind ja unterschiedlich.

      LG

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