Warum ich dem deutschen Buchpreis nichts abgewinnen kann

Heute wurde die Longlist des deutschen Buchpreises bekannt gegeben und sofort gingen auf Twitter die Diskussionen los, wer welches Buch kennt, mag, was man überhaupt davon hält, und und und …

Sehr schnell fällt einem dabei auf, dass 140 Zeichen sehr wenig ist, wenn man seine Meinung ausschreiben möchte, ohne dass es zu abgehackt wirkt. Also lege ich meine Meinung lieber hier dar und erkläre, warum ich den deutschen Buchpreis nicht mag.

 

Mein größtes Problem mit dem Buchpreis ist die Kombination aus den in Betracht gezogenen Büchern und dem Namen.

Denn der deutsche Buchpreis sollte, dem Namen nach, wie der deutsche Fernsehpreis sein. Ein Medium als Ganzes betrachten und prämieren, mit all seinen Genres. Etwas, was ‚deutscher Preis‘ heißt und dabei nicht nur ein einzelnes Genre im Titel trägt, sollte auch keine Genres ausschließen. Im Gegenteil. Etwas, was von sich behauptet, für Deutschland zu sprechen, sollte sich an dem orientieren, was das deutsche Volk in der Gesamtheit konsumiert.

Alles andere sieht aus, als würde der Preis für Deutschland sprechen wollen, durch seine Engstirnigkeit beim Genre aber der Masse der Deutschen sagen wollen, dass ihr Geschmack unwürdig und in der Augen der Preisrichter nichts wert ist.

Denn der deutsche Buchpreis hat nicht etwa verschiedene Kategorien. Es gibt nur eine einzige Longlist, eine einzige Kategorie, in der ausschließlich genrelose Belletristik vorkommt. Das ist einfach keine korrekte Repräsentation des deutschen Leseverhaltens. Also sollte es sich in meinen Augen nicht deutscher Buchpreis nennen dürfen. Das impliziert nämlich auch, dass alle Bücher, die einem Genre zuzuordnen sind, es nicht wert sind, Buch genannt zu werden. Andernfalls müssten sie schließlich auch für den Buchpreis in Betracht gezogen werden.

Daher halte ich die Kombination aus Genre und Titel für eine Beleidigung aller Autoren und Leser, die auch Genreliteratur lesen oder schreiben und vom Preis einfach ausgeschlossen werden. 

Was ich mir an der Stelle wünschen würde, wäre eine Neustrukturierung des deutschen Buchpreises in die Hauptkategorie der Belletristik, und Nebenkategorien für all die anderen Genres, die sich deutlich besser verkaufen und meist mehr Leser haben.

 

Daneben finde ich aber auch die Auswahl der Bücher merkwürdig.

Denn auch innerhalb der Belletristik scheinen hier nur Bücher nominiert zu werden, die mehr oder weniger unbekannt sind. Die es niemals alleine auf die Bestsellerlisten des Landes schaffen würden.

Ein Bekannter hat mir dazu im letzten Jahr gesagt, dass damit Bücher ausgezeichnet werden sollen, die etwas Werbung brauchen, weil sie vielleicht gut geschrieben sind, aber keiner sie wahrnimmt.

Und um ehrlich zu sein, finde ich das bedenklich. Denn das heißt ja eigentlich, dass hier nicht etwa innerhalb der Belletristik Qualität ausgezeichnet werden soll, sondern bewusst Bücher, die von sich aus eigentlich keiner kauft. Wäre man gemein, könnte man also annehmen, dass es sich nicht um einen deutschen Buch-, sondern um einen deutschen Ladenhüterpreis handeln würde. 

Oder nett ausgedrückt ist es eine Art Stipendium für unbekannte Autoren. So klingt es gleich viel besser und sogar wie etwas, was nötig ist. Aber dann muss man wieder die Frage stellen, warum man es nicht so nennt. Oder Nachwuchspreis der deutschen Belletristik. Irgendetwas anderes, was besser das beschreibt, was der Preis in Wirklichkeit darstellt.

 

Dann wäre da die Diversity.

Eigentlich achte ich sehr selten darauf, welche Hautfarbe oder welches Geschlecht ‚meine‘ Autoren haben. Mich interessiert nur, ob sie gut schreiben. Und wenn sie dabei türkis-lila gestreift sind, was soll’s?

Aber beim deutschen Buchpreis scheint Diversity noch nicht angekommen zu sein. So hat ein Twitterer die Longlist folgendermaßen zusammengefasst: „Wenn ich richtig gesehen hab, sind’s 19 weiße Autor*innen, 13 davon männlich. Just sayin’…“. Das klingt im ersten Moment nicht dramatisch, aber wenn wir bedenken, wie vielfältig unsere Kultur mittlerweile ist, dann fragt man sich doch, ob es in diesem Jahr wirklich keine schwarzen, muslimischen, asiatischen, … Autoren gab, die in der Qualität mit den 19 von 20 weißen Schriftstellern mithalten konnten. Das an sich ist noch kein Grund, den Buchpreis an sich abzulehnen, aber sehr wohl ein Grund, ihm kritisch gegenüber zu stehen.

 

Letztlich stört mich noch die Medienresonanz.

Denn der deutsche Buchpreis ist der einzige deutsche Preis der Buchbranche, der es auch in die Tagesschau schafft. Der Einzige, den der Ottonormalbürger wahr nimmt. Ich habe die Sorge, dass das die, die die Liebe zum Lesen noch nicht entdeckt haben, abschreckt. Denn die Hürde, gleich mit Belletristik einzusteigen, wenn man neu mit dem Buchlesen anfängt, ist sehr hoch. Ich merke es noch bei mir selbst. Alles in mir wehrt sich gegen die Belletristik, dabei weiß ich genau, dass ihr schlechter Ruf bei uns normalen Lesern nur daher kommt, dass einige Kritiker sie so überhöht darstellen und gegen Leser der Genreliteratur schießen, uns als dumm darstellen.

Wenn aber jemand da draußen glaubt, dass die Bücher des deutschen Buchpreises quasi der allgemeingültige Kanon guter Literatur sind, weil er nicht vom deutschen Phantastikpreis, dem Lovelybooks-Leserpreis, und all den anderen kleinen, und weiter diversifizierten Preisen erfährt, was soll er dann denken? Dass er einfach zu dumm für’s Lesen ist, weil ihn diese Art Literatur nicht anspricht oder er sie nicht versteht? Ihr nichts abgewinnen kann?

Bei mir war das, als ich noch jünger war, ein Grund, warum ich an mir gezweifelt habe. Ich habe den deutschen Buchpreis gesehen, wusste nichts von all den kleinen Preisen, die es dort draußen noch gibt, und fragte mich, ob ich als Fantasyleser unwürdig und zu dumm für diese Welt bin. Ich meine, ich mag Goethe nicht, der Buchpreis hat nie auch nur Bücher in der Longlist, die mich interessieren. Ich muss dumm sein, oder? 

MICH hat er damals abgeschreckt und deshalb glaube ich, dass es vielleicht auch anderen da draußen so geht, wenn der deutsche Buchpreis wie ein deutscher Oscar für Bücher in den Medien präsentiert wird, jeder andere Preis aber ignoriert wird. Ich dachte, ich wäre auf der Welt völlig alleine. Und das hat mir – mit einigen anderen Faktoren zusammen – über Jahre die Liebe zum Lesen ruiniert. Ich habe viele Jahre gar nicht gelesen, bis ich endlich in mir selbst gefestigt genug war, um mir keine Gedanken mehr darüber zu machen, was andere von mir halten, nur weil ich Fantasy lese. Aber müssen wir möglichen Lesern erst diesen Stein in den Weg legen?

 

Insgesamt kann man also sagen, dass ich wirklich nicht gut auf den deutschen Buchpreis zu sprechen bin.

Das macht mich traurig. Ich liebe Bücher und ich bin deutsch. Ich würde es so schön finden, würde es einen Preis für uns alle geben, mit dem wir uns alle identifizieren könnten. Alle deutschen Leser. Oder deutschsprachigen, meinetwegen. Es sollte einen deutschen Buchpreis für uns alle geben, der uns einmal im Jahr vereint, so wie die Oscars Filmfans auf der ganzen Welt einen Tag im Jahr vereinen. So etwas würde ich mir wünschen. Eine große Party für die Liebe zum geschriebenen Wort. 

Statt dessen sorgt der deutsche Buchpreis jedes Jahr wieder dafür, dass die alte Kluft zwischen Belletristik und Genreliteratur erneut im Mittelpunkt steht und die Vorurteile beider Seiten über die jeweils andere neu reproduziert werden. Statt uns Leser zu einen, spaltet er wieder. Und bei Menschen wie mir löst er eine Trotzreaktion aus. Er sorgt dafür, dass ich mich der Belletristik verweigere, obwohl die Autoren selbst nichts dafür können. Er gibt den Feuilleton-Schreibern das Gefühl, ihre Weltsicht sei allgemeingültig und Leser wie ich nur der Abschaum des Buchmarktes und das führt bei mir zu einer defensiven Haltung, gegen die ich jeden Tag selbst wieder anzukämpfen suche. Ich möchte Bücher nicht aufgrund ihrer Kategorisierung ablehnen und muss mir das immer wieder aktiv ins Gedächtnis rufen. Wenn man aber als Leser immer wieder so untergebuttert wird, weil man Fantasy, SciFi und Humor einfach lieber mag, ist es nicht leicht, selbst offen für Anderes zu bleiben. Und der deutsche Buchpreis ist sicher nicht allein daran Schuld, aber er hilft diesem Phänomen, das die deutsche Literaturlandschaft immer und immer wieder zu einem so viel ungemütlicheren Ort macht, als er sein müsste.

9 Gedanken zu “Warum ich dem deutschen Buchpreis nichts abgewinnen kann

  1. Ich beschäftige mich ehrlich gesagt nicht mit dieser List. Ich bekomme mit, dass es sie gibt und wieder eine Auszeichnung in Aussicht steht, aber wenn ich Titel/Cover sehe, verspüre ich nicht die Lust mich damit auseinander zusetzen. Das ist wohl genau DAS was du oben meinst: Ich finde nicht, dass da das Leseland Deutschland widergespiegelt wird. Traurig.

    So, jetzt hab ich grad mal die nominierten Bücher angeschaut. Der Kommentar von deinem Bekannten könnte wirklich stimmen: Also ich kenne niemanden davon 😛 Kann aber gut sein, dass sie gut schreiben können und nun gepusht werden. (die komplette Longlist will gerade nicht laden)

    • Ja, ich denke auch, dass sie zumindest nicht gar nicht schreiben können. Und dann ist es ja okay, wenn man sie mal ein bisschen in den Mittelpunkt rücken will. Aber dann sollte man es eben Förderpreis nennen. Nicht deutscher Buchpreis. Das hat so etwas Verallgemeinerndes. Ich fände es sogar sehr klasse, würden sie den Förderpreis beibehalten und drumrum einen richtigen Buchpreis bauen, mit vielen Kategorien und einer Preisverleihung zur PrimeTime im Fernsehen. DAS wär ein Traum.

  2. Ich stimme dir zu, dass der Name „Deutscher Buchpreis“ etwas irreführend ist. Es ist eben ein Preis, der von einer Jury bestimmt wird – nicht von uns Lesern. Und wann immer eine vermeintliche Fachjury zusammen kommt, dann wird plötzlich alles ganz hochgestochen und alles bekommt eine tiefere Bedeutung.
    Trotzdem finde ich den Preis an sich nicht schlecht, denn ich finde es schade, dass Romane, die eben anders sind, die nicht die breite Masse ansprechen, so an den Rand gedrängt werden. Und man muss Goethe nicht mögen, aber er ist trotzdem ein großer Schriftsteller und ich finde es fatal, wenn uns großartige Schriftsteller entgehen, nur weil sie vielleicht keine Massenware produzieren.
    Aber wenn du mich fragst, dürfte die Auswahl der Jury etwas transparenter gemacht werden. Auf Anhieb habe ich nichts gefunden, allerdings habe ich jetzt auch nicht sehr viel Zeit in die Suche investiert 😀 Vielleicht gibt es irgendwo einen Kriterienkatalog …

  3. Deine Überlegungen kann ich voll und ganz unterschreiben, denn sie sind mir mehr oder weniger ganz genauso durch den Kopf gegangen.
    Ist alles, was in den Bestellerlisten ist, sind die ganzen Thriller, die Familienromane, die historischen Bücher, Fantasy usw. alles nur niveauloser Schund, den man getrost ignorieren kann, weil da grundsätzlich keine Substanz dahintersteckt? Bei der Auswahl der Longlist könnte man auf diese Idee kommen. Ich konnte übrigens nicht herausfinden, nach welchen Kriterien die Longlist aus der unüberschaubaren Menge der Neuerscheinungen ausgewählt wurde. Wer hat da vorsortiert und wonach? Keine Ahnung. Besonders transparent ist das also nicht.
    (Teil 2 folgt)

  4. (sorry, mein Kommentar war so lang, dass das „Kommentar absenden“-Feld verschwunden war, deshalb zwei Teile)

    Dass das eine Art Werbeaktion für unentdeckte Buchperlen sein soll, wusste ich nicht, kann es mir aber gut vorstellen. Nur wird aus dem Grund, den Du aufgeführt hast, das nie funktionieren. Die wenigen, die sich mit diesen Büchern dann doch auseinandersetzen, hätte man vielleicht auch mit einem „Geheimtipp“-Newsletter oder Förderpreis erreicht. Doch die breite Masse der Nicht/Wenigleser wird abgeschreckt.
    Ich zähle mich zwar zu den Viellesern, aber da mein Lesegeschmack mit keinem einzigen Buch auch nur ansatzweise vertreten ist, nehme ich diesen Preis schon lange nicht mehr wahr. Der Vergleich mit dem Oscar kam auch mir in den Sinn. Nur dass die nominierten Filme in der Regel auch Publikumslieblinge und Verkaufsschlager waren. Das kann man von den Büchern der Longlist ganz sicher nicht sagen – also muss man dann wohl feststellen, dass dieser Preis seinem eigenen Anspruch nicht gerecht wird. Und damit hat er für mich seine Glaubwürdigkeit verloren.

    LG Gabi

  5. Amen! Das hast du wunderbar geschrieben und zusammengefasst! Genau das Gleiche dachte ich mir auch letztens zum Deutschen Buchpreis als ihr die Longlist gesehen habe, weil ich von den Büchern teilweise noch nie etwas gehört habe und mich teilweise auch gar nicht interessieren… Dann komme ich mir wieder wie die dumme Fantasy-Leserin vor :/

    LG
    Hanna

    • Ja, daher … ich weiß nicht. Manchmal regt es mich noch auf. Aber die meiste Zeit schaue ich eher mit so etwas wie Mitleid zu den Leuten, die so sehr für diese Literatur kämpfen und alles andere verdammen. Eigentlich sind sie sehr einsam und nur Angstbeißer, glaube ich.

      LG
      Taaya

  6. Ich hab diese Liste noch nie eingesehen. Allerdings mich in den vergangenen Jahren öfters gewundert wenn da Titel dann den Preis bekamen, die mir weder vom Werk her noch vom Autor her bekannt waren.
    Dein Beitrag hat mir sehr gut gefallen, weil man spürt das er ehrlich gemeint ist und von Herzen kommt. Danke dafür.

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