Aude Le Corff – Bäume reisen nachts

Bäume reisen nachts

Buchdetails

  • Erscheinungsdatum: 2014
  • Verlag: insel taschenbuch
  • ISBN: 978-3-458-36019-3
  • Taschenbuch 201 Seiten
  • Sprache: Deutsch

Klappentext: 

Seit Monaten verbringt die achtjährige Manon ihre Nachmittage allein, unter einer riesigen Birke im Garten. Sie verschlingt ein Buch nach dem anderen und spricht mit Ameisen und Katzen, nur um an eines nicht denken zu müssen: das spurlose Verschwinden ihrer Mutter. Ihre Einsamkeit rührt den mürrischen Rentner Anatole. Als eines Tages überraschend Briefe der Mutter eintreffen, schmieden das Mädchen und der alte Mann einen kühnen Plan, der sie auf eine abenteuerliche Reise quer durch Europa führt.

 

Inhalt: 

Wieder einmal hat der Klappentext eigentlich nichts mit dem Inhalt zu tun.
Manon kommt jeden Tag von der Schule nach hause, nur um ihren Vater weiter depressiv auf dem Sofa aufzufinden. So ist er immer, seit ihre Mutter sich davongestohlen hat. Ungeduscht, betrunken und lethargisch. Sie flieht wie jeden Tag in den Garten, wo sie hofft, wenn sie die Katze immer nach einem bestimmten Muster streichelt, kommt ihre Mutter wieder. (Warum wird nie erklärt.) Eines Tages liest der Nachbar Anatole, ein ehemaliger Lehrer, ihr aus dem kleinen Prinzen vor. Er selbst weiß nicht genau, wieso er sich mit dem Mädchen unterhält, aber merkt bald, dass er sie nicht nur nicht mehr los wird, sondern sie ihm auch neue Kraft zum Leben gibt.
Auch Manons Tante Sophie versucht bald, sich ihm anzuvertrauen, hütet sie doch ein Geheimnis. Ihre Schwester ging nicht einfach so weg, sondern mit ihrem neuen Liebhaber zusammen. Das darf sie aber keinem sagen.

Und ausgerechnet dann kommen Briefe von der verschwundenen Mutter, die nur schreibt, dass sie in Marokko ist. Vater Pierre beschließt sofort in blindem Aktionismus, mit Manon dort hin zu fahren, hält er es doch nicht länger ohne seine Frau aus. Manon wiederum überredet den alten Anatole, trotz Widerspruch und seiner alten, kranken Knochen mitzukommen und auch Sophie ist mit an Bord und so fahren sie mit dem Auto los, um Manons Mutter zu finden.

 

Charaktere: 

Im Vergleich zu Aude Le Corffs zweitem Roman „Das zweite Leben des Monsieur Moustier“, sind in ihrem Debüt die Charaktere gar nicht so schlecht charakterisiert. Immer noch werden sie vor allem oberflächlich gezeigt, nur ihre derzeitigen Abgründe und wenig ihrer Vergangenheit, mit Ausnahme von Sophie und Anatole. Aber hier schafft sie es, den aktuellen Problemen tatsächlich ein wenig Tiefgang zu geben. So wirken die Charaktere viel liebevoller dargestellt, als bei Monsieur Moustier.

 

Meinung:

Der Roman will zu viel und gibt so wenig. Zunächst einmal versprechen Klappentext und Titel wieder etwas völlig falsches. Nimmt man doch an, dass tatsächlich reisende Bäume eine Rolle spielen könnten – in der Grauzone zwischen realistischer Fiktion und Fantasy? – ist das nur die Anspielung auf zwei Sätze, die eigentlich überhaupt keine Wichtigkeit für den Rest des Buches haben.

Und auch der Klappentext deutet an, dass Mädchen und Rentner zusammen abhauen oder wenigstens die Urheber der Roadtrip-Idee sind. Dabei haben sie damit eigentlich nichts zu tun. (Schade, die Geschichte wäre sicher interessant gewesen.)

Aber wirklich anstrengend ist dieses erzwungen wirkende Schwanken zwischen pseudophilosophischen Inhalten und sprachlicher Ästhetik und Leichtigkeit. Auch das Ansprechen von Homosexualität, Transsexualität, Ausgrenzung im Alter, Depression, Betrug, dem psychischen Trauma verlassener Kinder und Alkoholismus ist einfach zu viel, gerade weil das Buch gleichzeitig leicht und fließend daher kommen will. Aber die Themen werden auch eher krampfhaft eingeführt und wirken auf den gerade mal 200 Seiten erschlagend für die Geschichte.

Aber hier hat mich der Roman weitaus länger interessiert halten können. Erst etwa auf Seite 130, als sie endlich unterwegs sind und die Geschichte anfängt, hat er mich verloren, weil die Reise leider kein bisschen abenteuerlich ist – zumindest in meinen Augen.

 

Fazit: 

Der Roman hat leider den Spagat zwischen den selbstgestellten Ansprüchen nicht geschafft. Vielleicht, wenn er nicht so kurz gehalten gewesen wäre? Dann hätte man die tiefgehenden Szenen ausbauen können, so dass sie nicht gehetzt eingefügt wirken. Aber auch dann wäre etwas mehr Handlung, etwas mehr inhaltliche Magie, die zur sprachlichen Magie passen würde, schön gewesen.

 

 

PS: Was haben Franzosen nur alle mit dem kleinen Prinzen? Auch der bildet den Rahmen des ganzen Buches und alles wird auf ihn zurückgeführt. Vielleicht fand ich es deshalb leider so langweilig – den kleinen Prinzen kann man bei mir auch nur als Schlafmittel nehmen.

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