Fachliteratur: Meine Hass-Liebe

Spätestens, wenn man studiert, aber auch an manchen allgemeinbildenden Schulen kommt man an einem einfach nicht vorbei: An Fachliteratur. Monografien, Sammelbände, Fachzeitschriften oder einzelne Aufsätze, die nicht dafür geschrieben sind, wirklich gelesen zu werden, die aber dennoch von uns (un)willigen Opfern gelesen werden müssen. Literarische Ergüsse, die SO viel Wissen beinhalten, teils so viel Großes bewirken könnten, aber schon am Kleinen scheitern. Heute mein Hasslieben-Rant über das Übel namens Fachliteratur.

So, und da ich von Hassliebe spreche, teile ich das auch schön auf. Hier also erstmal die Gründe, warum ich Fachliteratur intensiv und flammend hasse!

Die Zielgruppe

Fachliteratur schreibt vor allem für Wissenschaftler. Für fertiggebackene Akademiker, die wenn möglich jeden Fachterminus schon kennen – selbst wenn sie nur aus einer Nebendisziplin kommen, denn heute ist ja alles interdisziplinär und jeder sollte möglichst alles beherrschen. Haben wir noch in den Facharbeiten in der Schule gelernt, dass man jeden Fachbegriff, der nicht zum Alltagssprachgebrauch gehört, erklären muss, schenken sich das die Herren und Damen Professoren oder Doktoren gerne mal.

Ein Grund dafür ist klar: Statuserhalt. Wer sein Wissen nur denjenigen zugänglich macht, die eh schon in einer ähnlichen Liga spielen, riskiert nicht, soziale Mobilität zu unterstützen und sich damit seine eigenen Konkurrenten ‚heranzuzüchten‘. Elitendenken spielt da immer noch eine große Rolle, wenn auch nicht mehr immer bewusst und aus (böser) Absicht, sondern nur, weil die Regeln, wie man schreiben muss, als Tradition von Generation zu Generation weitergegeben werden. Und aus Angst, denn wenn man mit diesen Traditionen bricht, wird man vielleicht nicht veröffentlicht.

 

Die Sprache und der Stil

Aber auch neben den Fachtermini läuft sprachlich hier einiges schief. Man sollte doch meinen, dass jeder so schreibt, dass der Leser zumindest interessiert bleibt, wenn er es denn versteht, oder? Ein Insiderwitz hier oder da? Oder zumindest Spannungsaufbau? Leider Fehlanzeige.

Schlimmer noch, oft reiht sich Wortwiederholung an Wortwiederholung, Dinge werden dreimal innerhalb eines Kapitels wiederholt (und im nächsten dann noch mal zusammengefasst) und teilweise gibt es sogar Aneinanderreihungen leerer Satzhülsen, die nach viel klingen, aber letztlich kaum Aussage haben. Beispiel gefällig? (Hierbei danke ich Lena Greiner und Friederike Ott, ohne deren Buch ‚Simulieren geht über studieren‘ ich tatsächlich allein für diesen Beitrag noch unzählige Fachbücher hätte wälzen müssen. Das hier genutzte Zitat, sowie seine Übersetzung stammen von Seite 45f.)

Das Konzept der strukturellen Koppelung wird notwendig, da eine strukturdeterminierte Welt entgegen dem klassischen systemtheoretischen Denken die operationale Schließung von Systemen impliziert. Einfache Informationsübertragungskonzepte die (für unabhängig vom System existierende Information) offene Systeme voraussetzen, sind damit nicht mehr anwendbar. Das Verhalten eines Systems, das strukturell an seine Umwelt gekoppelt ist, kann von dieser nicht direkt bzw. instruktiv beeinflußt werden, es sei denn, die Einwirkung hat den Zerfall des Systems zur Folge. Das System kann durch Milieuveränderungen nur angeregt (pertubiert) werden. Ob und wie das System darauf reagiert, hängt alleine von seiner inneren Struktur ab.

Nichts verstanden? Macht nichts, ich auch nicht, dabei ist das Soziologie, und damit mein Fachgebiet, in dem ich mittlerweile sogar ARBEITE, also selbst zu den Verursachern solcher Texte gehören muss. Aber wir sind nicht die Einzigen. Für das erwähnte Buch wurden Experten gebeten, die Texte für Normalsterbliche zu übersetzen. Hier ist es Inge Schröder, Leiterin des Wissenschaftszentrums Kiel, deren Job tatsächlich der Wissenstransfer ist. Sie schreibt, dass es im Team eine heitere Diskussion gegeben habe, was denn gemeint sei, man sich sogar an Fallbeispielen versucht hätte. Letztlich fasste sie es so zusammen: „Du kannst dem Esel das Heu hinstellen, fressen muss er es selber!“ Und selbst das ist eigentlich nur der letzte Satz, der an sich das Verständlichste vom Text ist.

Neben den tatsächlich mehr oder weniger beabsichtigten Eigenheiten dieser völlig alltagsfernen, aufgeblasenen und unverständlichen Sprache, fehlt es vielen Fachbüchern aber auch noch schlicht an einem guten Lektorat. An vielen Stellen könnte man ohne Bruch mit der Fachsprache viele Kleinigkeiten (wie Wortwiederholungen oder grammatikalisch holprige Formulierungen) etwas verbessern.

 

Sammelbände

Einen besonderen Hass hege ich auf diese Spezies von Fachbüchern. Sammelbände sind lange Werke von Einzelartikeln verschiedener Autoren, die alle irgendwie halbwegs einem Thema zuzuordnen sind, sich untereinander auch gern mal über den grünen Klee loben, letztlich aber nichts mit einander gemeinsam haben. Synergieeffekte? Fehlanzeige. Hier wird im schlimmsten Fall ein und der selbe Sachverhalt in jedem einzelnen Artikel mit ähnlichen Worten aufgegriffen. Der Gipfel der Redundanz. Und als wäre das nicht schon schlimm genug, wird der Leser letztlich alleine gelassen. In jeder Monographie gibt es ein Fazit, das das komplette Buch noch einmal in wenigen Absätzen zusammenfasst und die verschiedenen Kapitel in ihrer Relevanz mit einander verbindet. Dem Leser sagt, wie sie zusammenspielen und welche Schlüsse jetzt aus dem Gesamtwerk zu ziehen sind.

Ein Sammelband hingegen hat das nicht. Hier sind die Artikel zwar irgendwie mit einander verwandt, sehen sich aber völlig unterschiedliche Sachverhalte innerhalb eines Themenfelds an, widersprechen sich vielleicht sogar mal, und es fehlt das Fazit, um all diese Beiträge in einen großen Kontext einzusortieren.

Sammelbände sind so riesige Monster, die einen mit 300 bis gerne mal 1000 Seiten Informationen und Scheininformationen, Theorien, nicht oder nur halb definierten Fachbegriffen und völlig verschiedenen wissenschaftlichen oder gar normativen Rahmen bombardieren und einen dann hilflos alleine da stehen lassen. Erwarten, dass man hinterher alle Seiten noch im Kopf hat, jede Studie und jeden Artikel mit einander in Verbindung bringen kann und das große Ganze dahinter sieht. So geht man hinterher eher ratloser daraus hervor, als man vorher war.

 

Der Landesaspekt

Ja, auch darüber muss gesprochen werden, denn Teile dessen (zumindest der Sprachhabitus zum Statuserhalt – uh, auch böse Fachsprache) sind ziemlich landesspezifisch für Deutschland und kleine Teile der EU. Hier ist es nämlich regelrecht verpönt, so zu schreiben, dass es auch der kleine Mann auf der Straße verstehen kann, während das in den USA zum Beispiel völlig normal ist. Da sind die Grenzen von Fachliteratur zu populärwissenschaftlichen Sachbüchern fließend und Professoren dürfen so humorvoll und leichtverständlich schreiben, wie sie wollen. Dort ist es gar nichts Schlimmes, wenn man mal eben einen Bestseller schreibt, den die Leute wirklich gerne lesen. Auch hier ein Beispiel gefällig? Dann empfehle ich Dan Arielys ‚Denken hilft zwar, nützt aber nichts‘. Verhaltensökonom Ariely erklärt hier, warum wir sozial positives Verhalten nur dann an den Tag legen, wenn wir NICHT dafür bezahlt werden, warum wir beim Anblick von Süßigkeiten die Diät vergessen und weitere Irrationalitäten des menschlichen Denkens und Handelns. Und obwohl das Buch auf den ersten Blick rein populärwissenschaftlich ist, war es doch bei mir im VWL-Modus empfohlene Lektüre. (Danke, Professor Sieg. Sowohl hierfür als auch für die legendäre Weihnachtsvorlesung.)

Man kann also sehr wohl Studien und deren Ergebnisse humorvoll, interessant, spannend und sogar mit Anekdoten niederschreiben und veröffentlichen. Man kann sie so schreiben, dass jeder Mensch, unabhängig von seiner Bildung, sie verstehen kann (solange er nur lesen kann). Man kann es nur nicht in Deutschland.

 

Verschwendete Chancen

Das ist das, was mich am meisten aufregt. Dass Fachliteratur so viel Gutes bewirken könnte. Wir leben in einer Welt, in der wenige Studien wirklich medial kommuniziert werden. Viele wissenschaftlichen Erkenntnisse werden nur dann von der Bevölkerung wahrgenommen, wenn sie ein Skandal umgibt (wie die Affen mit den Autoabgasen); wenn sie von der Industrie bezahlt wurden – und so oft tatsächlich lügen – wie bis vor etwa 20 Jahren die Behauptung, dass Zucker gesünder als Fett sei und sogar beim Abnehmen helfen würde, eine Studie bezahlt und durchgeführt von der Zuckerindustrie; oder wenn Politiker sie doch einmal aufgreifen und in Interviews darauf eingehen, wie es bei der PISA-Studie immer wieder mal der Fall ist.

Dabei werden täglich weltweit hunderte Studien durchgeführt und veröffentlicht. Es gibt so viel Wissen da draußen, dass man sich aneignen könnte, wenn man wollte. Und – und das ist das Problem -, wenn es einfach zugänglich wäre. Wie gesagt, ich selbst bin Soziologin, es ist mein Beruf, diese Texte zu lesen. Viele der Fachbereiche interessieren mich dabei auch privat. Aber lese ich die Fachliteratur in meiner Freizeit? Freiwillig? Nein. Einfach, weil sie so unzugänglich, schwer geschrieben und damit zeitverschwenderisch ist. Der Krafteinsatz, um ein wenig Wissen zu erhalten, ist für den privaten ‚Gebrauch‘ einfach zu hoch – von den tatsächlich monetären Kosten mal ganz abgesehen, denn so ein Fachbuch kostet gut und gerne mal 60 Euro für 400 Seiten.

Dabei beklagen gerade wir Wissenschaftler uns so oft darüber, wie wenig sich der Normalbürger bildet, wie unmündig er vielleicht sogar ist, wenn er politische Entscheidungen mit seiner Wahl mitträgt. Dass er sich nicht vorher informiert. Dabei sind wir es doch Schuld! WIR (also mein Berufsstand, nicht ihr, liebe Leser) sind es, die so hohe Hürden aufbauen, dass der Bürger gar keine Chance hat, sich noch zu informieren. Soll er neben Job und Familie auch noch jedes einzelne Fachgebiet, das in Wahlprogrammen vorkommen kann, studieren, damit er Studien versteht und neueste Erkenntnisse beachten kann? WIR tragen damit also eine Mitschuld an all dem, was in der Bevölkerung schief läuft. Und ja, ich schäme mich bei jedem schlechten Text, den ich lese, dafür, ein Teil dessen zu sein. Und nicht dagegen anzukämpfen, weil ich dann nicht etwa die Welt aus den Angeln heben und besser machen könnte, sondern einfach nur nicht mehr eingestellt werden würde.


Nachdem ich nun meinen Hass bis ins Kleinste ausgelebt habe, muss ich aber auch eine Lanze für Fachliteratur brechen. Denn es gibt auch eine Sache, die ich an Fachliteratur liebe:

Die Studien

Es gibt natürlich auch populärwissenschaftliche Bücher, die Studien aufgreifen und sogar wirklich verständlich machen. Ich habe einige davon auch hier, lese sie gerne. Aber Fachliteratur hat dabei mehrere Vorteile. Einerseits sind hier oft die Tabellen, mit allen prozentualen Verteilungen, Wahrscheinlichkeiten, mit Signifikanz, und Regressionsmodellen enthalten (also man kann genau sehen, wie sich der Einfluss eines Merkmals auf das Beobachtete ändert, wenn man weitere Merkmale und deren Einfluss mit in die Betrachtung einfließen lässt), und andererseits gibt es sie hier: Vollständige Quellenangaben. Denn wenn man wirklich mal eine Studie findet, die einen wirklich interessiert und deren weiteren Fortschritt oder Voruntersuchungen man auch lesen will, oder auf die man vielleicht selbst sogar aufbauen will, gibt es nichts Schlimmeres, als in einem Sachbuch nur zu lesen ‚dies besagte eine Studie aus den USA‘. Dann steht man mit nichts da, hat so gut wie keine Chance, die Autoren jemals ausfindig zu machen.

Nein, hier sind Fachbücher das einzig Wahre.

 


Und wieder einmal stellt sich die Frage: Was will sie uns damit jetzt eigentlich sagen?

Hm, wenn ihr auch Akademiker seid, will ich euch vielleicht dazu anregen, etwas verständlicher zu schreiben. Wir können das System nicht brechen, das ist mir klar. Aber vielleicht können wir zumindest in Nuancen Veränderungen erwirken? Einfach schon mal alles rauslassen, was zu wiederholend oder schlicht inhaltsleer ist? Uns selbst zumindest ein wenig hinterfragen?

Und für alle anderen wollte ich mir hier nur ein wenig den Frust von der Seele schreiben, und mir und vielleicht auch euch ins Gedächtnis rufen, dass Fachliteratur trotz ihrer vielen Mängel auch positive Eigenschaften mit sich bringt. Und dass man nicht alles verteufeln muss. Dass man, wenn man wirklich Interesse an einem Fachgebiet hat, vielleicht im Ausland sogar Lesbares findet, um sein Interesse zu stillen. Vielleicht wollte ich mir selbst auch einfach nur so wieder Hoffnung machen.

1 Gedanke zu “Fachliteratur: Meine Hass-Liebe”

  1. Ich verstehe deinen Frust gut. Besonders die Sprache im Deutschen nervt mich auch regelmäßig, wobei ich das Glück habe, im Kernfach Anglistik zu studieren und mich deshalb eher mit dem englischen, viel verständlicheren Texten vergnügen darf. Dass es im Deutschen „intelligenter“ klingt ist klar, aber was nützt das, wenn niemand versteht was nun eigentlich die Aussage ist? Da würde ich den Fokus ja eher darauf legen, mit meinen Erkenntnissen zu beeindrucken statt mit der Sprache.
    Auch die vielen Wiederholungen stören mich immer sehr. Wenn etwas später noch mal aufgegriffen wird, finde ich das super, aber direkt hintereinander mehrmals die gleiche Aussage zu lesen nervt mich und das habe ich auch schon viel zu oft gelesen und frage mich, wieso das so viele tun. Genauso aber auch dass viele Artikel von verschiedenen Autoren einfach die gleichen Aussagen treffen, wenn sie das gleiche Thema behandeln. Für meine letzte Hausarbeit habe ich natürlich einiges lesen müssen und fast alle Beiträge beruhten auf den gleichen Quellen, was auch wieder einen Haufen Wiederholungen bedeutet und einfach unsinnig war.
    Generell stimme ich zu und würde auch viel mehr freiwillig lesen, wenn es verständlicher und einfach besser geschrieben wäre. Es ist nämlich wirklich total schade, wie viel Wissen einem da verwehrt bleibt, wenn man sich nicht unter diesen Umständen durchkämpfen möchte.

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