Behinderungen in Zukunftsfiktion

Über Behinderungen in Büchern allgemein habe ich ja schon einmal gesprochen, und wie schädlich es sein kann, wenn am Ende nur ein Partner auftaucht und alle Probleme des Protagonisten vergessen sind.

Doch heute möchte ich mir speziell die Darstellung (oder das Fehlen selbiger) von Behinderung/Krankheiten in der Zukunft ansehen. Dabei achte ich vor allem auf Utopien, also die Darstellungen von Welten, in denen es den Menschen besser geht als heute, oder deren Gesellschaften sogar perfekt sind.

Alles Folgende ist lediglich meine Meinung und hat keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit.

Zu diesem Beitrag gebracht hat mich einerseits eine auf Facebook geteilte Meinung einer Behindertenrechtsaktivistin aus Amerika und andererseits etwas in der aktuellen Star Trek-Serie. Daher hier auch milde SPOILER-Warnung. Was ich verrate, ist zwar (zumindest bisher) nicht plotrelevant, wer aber auch kleinste Spoiler nicht mag, ist besser beraten, erst zumindest bis einschließlich Staffel 2 Folge 3 Discovery zu schauen.

 

Gebt uns mehr Krankheit…?

 

Auf Facebook gab es vor einigen Wochen einen Beitrag, der aussagte, eine Utopie kann nur dann bestehen, wenn darin auch von Behinderten die Rede ist. Man solle nicht sagen, dass alle Menschen gesund seien. Wenn ich mich recht erinnere, hat ein Kommentator das sogar mit dem Holocaust verglichen. Dass Autoren damit nur Behinderte auslöschen würden, weil wir nicht in eine perfekte Welt passen. Der Tenor jedenfalls war sehr negativ und auch ich wurde da als Nazi bezeichnet, als ich es wagte, meine Meinung zu sagen.

Denn persönlich habe ich nichts gegen Utopien, in denen Behinderungen nicht mehr existieren. Ob man nun Behinderungen heilen kann, oder Kinder gleich als Embryos dazu gezüchtet werden, gesund zu sein, ist mir dabei egal. Denn ich bin behindert. Und wenn ich heute die Wahl hätte, perfekte Inklusion zu haben und mit meinen Behinderungen ‘glücklich’ sein zu können, oder aber komplett geheilt zu werden, ohne Nachteile (wie Überlastung des Gehirns, wenn es plötzlich Signale aus einem zweiten Sehnerv verarbeiten muss und bisher nie wusste, wie man damit umgeht), dann würde ich IMMER Heilung wählen. Natürlich machen mich auch meine Behinderungen zu einem Individuum. Aber Inklusion nimmt nicht die körperlichen Probleme. Wenn ein Arbeitgeber damit klar kommt, dass ich immer wieder wegen Asthmaanfall oder Rückenschmerzen durch meine Skoliose ausfalle, nimmt mir das noch lange nicht die Schmerzen oder die Angst, zu ersticken. Wenn Filme und Spiele so produziert werden, dass ich sie auch mit nur einem Auge ertrage, ändert es nichts daran, dass ich ab und an gegen Dinge laufe, weil ich sie schlicht nicht sehe.

Inklusion auf allen Ebenen könnte mein Leben besser gestalten, aber Heilung würde eben immer noch etwas besser sein.

Für mich.

Jeder, der lieber eine Zukunft sieht, in der er sich auch körperlich nicht ändern muss, um ein normales Mitglied der Gesellschaft zu sein, hat genauso das Recht, so zu denken, wie ich ein Recht auf meine Meinung habe. Nur, dass ich nichts gegen eine Aussicht auf Heilung habe, macht mich noch lange nicht zu einem Nazi oder zu einer Verräterin an uns Behinderten. Es macht mich nur zu einem Menschen, der keine Lust mehr auf chronische Schmerzen hat und sich eine Welt wünscht, in der die auch ohne Einsatz von Schmerzmitteln besiegt werden können.

Wenn man mich also nach einer wahrlich perfekten Welt fragt? Dann gäbe es in der tatsächlich keine Behinderung. Und das nicht, weil ich mich und andere Behinderte auslöschen will, oder, weil ich jemandem vorschreiben will, dass derjenige sein Leben nicht lebenswert zu finden hat. Sondern, weil ich mir wünsche, dass niemand mehr wie ich leiden muss. Und das kann ich mir nur da ausmalen, wo es keine Behinderung gibt.

 

Wenn schon Repräsentation …

 

Das bringt mich zu einem anderen Punkt. Wenn man sich dazu entschließt, Behinderung nicht komplett aus dem eigenen Werk auszuschließen, dann sollte man sich auch überlegen, wie genau man Behinderung EINschließen kann, wie Inklusion stattfindet.

Das ist mir vor wenigen Tagen bei Star Trek aufgefallen. Im Rahmen des Kommando Trainingsprogramms müssen die Rekruten einen Halbmarathon laufen. Das hat mir zum ersten Mal bei Star Trek einen Stich versetzt. Denn ich habe bei Bundesjugendspielen nie auch nur die 400 Meter geschafft, dank der Tatsache, dass ich neben Asthma auch keine voll ausgewachsene Lunge habe.

Dazu muss ich wohl erklären, dass Star Trek von klein auf mein emotionaler Anker war. Die Zukunft, nach der ich mein persönliches Streben und meinen Umgang mit Menschen ausgerichtet habe. Wenn Außenseiter wie Spock und Data da ein Zuhause finden könnten, dann doch sicherlich auch ich?

Zu sehen, dass ich vielleicht in der Welt, für deren Erreichen ich mein Leben lang kämpfe, weiterhin keinen Platz habe, dass ich da genauso unnütz bin, wie in der Gegenwart, hat mir einen Moment die Füße unter den Beinen weggezogen.

Ich meine, ich verstehe, dass man gewisse Anforderungen stellen muss. Dass man nicht jedem Menschen in jedem Beruf Inklusion bieten kann. Jemand völlig ohne Beine wird vermutlich nie Ballett-Star. (Wobei? Auch mit Rollstühlen kann man tanzen.) Okay, besseres Beispiel. Ich kann niemals 3D-Spiele programmieren, solange ich nicht geheilt werde, weil ich schlicht nicht 3D sehen kann. Also logisch weiß ich, dass es mich nicht zu sehr enttäuschen sollte, falls die Sternenflotte keine Verwendung für mich hätte oder ich zumindest nicht allzu viel Karriere dort machen könnte. Logisch weiß ich, dass das nicht heißt, dass für mich in dieser Welt gar kein Platz wäre, dass es dort so schlimm ist, wie in der gegenwärtigen Realität.

Aber im ersten Moment war es schon ein Schlag ins Gesicht. Denn Star Trek beweist durchaus ab und an Mut zur Inklusion. In Deep Space 9 hatten wir immerhin eine Beinprothese, eine chronisch kaputte Schulter und eine Mitarbeiterin, die zwar auf ihrer Welt nicht behindert war, in der höheren Schwerkraft der Menschen aber Hilfsmittel brauchte.

In The Original Series wurde Christopher Pike zwar erst nur aus Mitleid nicht in den Ruhestand versetzt, als er im Rollstuhl landete und nicht mal mehr sprechen, nur noch Ja und Nein blinken konnte. Er durfte dann aber dennoch Teil eines Tribunals sein, das über Spock urteilt, war gleichberechtigt an Stimme und Rang.

Seven of Nine aus Voyager wiederum ist nicht im herkömmlichen Sinn behindert. Sie ist Menschen an Kraft, Wissen, vielleicht sogar Intelligenz überlegen. Aber sie braucht spezielle Hilfsmittel, um zu überleben. Sie muss sich in einen Borg-Alkoven zurück ziehen, um sich zu regenerieren. Außerdem braucht sie anfangs etwas andere Nahrung, wenn ich mich recht erinnere.

Besondere Bedürfnisse und Einschränkungen sind in Star Trek bisher also nichts gewesen, was zu einem Ausschluss geführt hätte. Und tatsächlich, nur eine Folge vor dem, was mir jetzt übel aufstieß, haben wir sogar erfahren, dass der Christopher Pike in Discovery als Kind Asthma hatte. (Leider wohl nicht mehr in der Gegenwart der Serie.) Also ist das vielleicht doch einfach heilbar? So, wie Pille eine Niere nachwachsen lassen konnte, in Star Trek 4?

Im Trekkies Forum machte jemand dann gestern den Vorschlag, dass der Halbmarathon vielleicht nur die Voraussetzung für körperlich nicht eingeschränkte Rekruten sei. Dass Behinderte vielleicht einfach partiell andere Anforderungen hätten und nur im Rahmen ihrer Möglichkeiten fit sein müssen, um teilhaben zu können.

Und ich mag den Gedanken sehr.

 

Aber es bringt mich zu einem wichtigen Punkt, den ich mir von Autoren von (vor allem utopischen) Zukunftsvisionen wünschen würde:

Wie auch immer ihr euch entscheidet, wie ihr mit dem Thema umgeht, sprecht es an.

Ob ihr nun sagt, in der Vergangenheit hat man abgestimmt, dass man versuchen will, Krankheiten komplett zu heilen, damit selbst nur die Chance von Leiden verhindert wird. Oder ob ihr ein System entwerft, ob und wie Inklusion stattfindet. Oder ob ihr einen Mittelweg findet und manches geheilt werden kann – wenn gewünscht -, während bei anderen Krankheiten Inklusionsmöglichkeiten bestehen. Egal was ihr macht, SPRECHT ES AN!

 

Natürlich werdet ihr leider dann immer noch ins Kreuzfeuer geraten, zwischen denen, die Heilung als Beleidigung ansehen, und denen wie mir, die eine Welt nicht als perfekte Utopie ansehen, solange noch jemand den selben Schmerz erleiden muss, wie sie. Dem könnt ihr leider nicht entkommen und dafür mein herzliches Beileid. Aber sagt uns bitte dennoch, wo unser Platz in der von euch erdachten Gesellschaft ist.

Danke.

2 Gedanken zu “Behinderungen in Zukunftsfiktion”

  1. In meiner geträumten Utopie sind alle Menschen gesund. Wer erkrankt, wird gesund gemacht. Neue Beine, Lungen und andere Organe sind kein Problem. Aber auch wenn alle gesund sind, sind nicht alle Menschen genau gleich, weil es Unterschiede im Talent/Begabungen gibt. Es sehen auch nicht alle gleich aus und haben unterschiedliche Charaktereigenschaften. Denn ansonsten wäre das Leben mit anderen Menschen langweilig.
    Wenn Star Treck jetzt eine Aufnahmeprüfung hätte, könnte ich auch keinen Halbmarathon laufen und würde hoffen, dass es auch andere Anstellungskriterien gibt. Allerdings hätte ich viel zu viel Angst da mitzufliegen. Dein Mut und die Fähigkeit mit großen alltäglichen Alltagsvoraussetzungen umzughen sollte den nicht durchgeführten Lauf ausgleichen!!!
    Viele Grüße
    Silvia

    • Huhu Silvia,

      da gebe ich dir recht. Leider nicht alle, aber mir reicht eine Vielfalt, wo niemand benachteiligt ist oder Schmerzen ertragen muss. 🙂

      Und Ja! Hoffen wir, dass die Akademie mich dennoch aufnimmt. Jetzt müssen wir nur noch schnell die Föderation gründen.

      Liebe Grüße

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