Warum ich den Blog erst einmal mit einem Passwort versehen werde

ZUNÄCHST EINMAL HIER EINE EXPLIZITE TRIGGERWARNUNG: DEPRESSION – NAJA, UND EINIGE SCHIMPFWORTE

 

Der Mai ist da. Und damit rückt die Deadline für die Umwandlung zur DSGVO-konformen Website immer näher.

Und meine Stimmung sinkt. Ich habe bemerkt, wie ich aktuell nur noch an dieses verdammte Gesetz denken kann. Morgens bis abends. Ich schlage ein Buch auf und eine Stimme warnt ‚aber du weißt doch noch gar nicht, ob die Zeit reicht‘. Ich gehe immer und immer wieder die Checkliste in meinem Kopf durch. Und weiß, dass ich vermutlich nicht einmal alle Punkte kenne. Denn jeden Tag kommen neue hinzu, die bisher noch nicht in den Artikeln dazu standen.

Eigentlich ist doch alles okay

Gleichzeitig nehme ich an, dass ich eigentlich jetzt schon aus dem Schneider bin. Ja, noch nutze ich Google Fonts. Aber das, was die meisten Abmahnanwälte prüfen können und werden, habe ich längst. Und der Staat, die EU oder offizielle Behörden werden sicher nicht ausgerechnet nach einem winzigen Buchblog fahnden, der bisher noch keinen Verarbeitungsvertrag mit seinem Webspace-Anbieter hat. (Warum ist das nicht eigentlich gleich Teil der Webspace-Bestellung hier im Land? Wäre doch viel cleverer. Mein Vertrag ist jünger als die DSGVO.)

Ich bin also vermutlich in Sicherheit. Und doch rebelliert alles in mir gegen dieses Gesetz. Aus verschiedenen Gründen.

  • Einerseits finde ich es lächerlich, dass jetzt Privatpersonen damit belästigt werden. Es mag sein Gutes haben, wenn man Facebook, Twitter, Google und all die Anderen davon abhält, Daten abzusaugen und damit Geld zu machen. Aber warum wendet man sich dann nicht an die? Warum müssen Privatpersonen, ohne ausreichend von offizieller Seite aus informiert worden zu sein, jetzt wochenlang recherchieren, wie sie ihre Seiten halbwegs an das Gesetz anpassen, und die großen Konzerne aussperren? Warum werden die Opfer, die Probleme haben, Seiten ohne Einmischung der Großen überhaupt zu betreiben, zum Täter gemacht?
  • Und wieso überhaupt? Ich meine, wir bekommen im Internet so viel geboten. Dass keiner meine Daten VERKAUFEN darf, dem stimme ich ja zu. Aber ich finde diese Umsonst-Mentalität ‚ich möchte jede Website lesen dürfen, aber ich will nichts dafür geben‘ unerträglich. Ich halte es für ein Privileg, all die Blogs lesen zu dürfen. Wenn sie mit meinen Daten besser funktionieren, dann sehr gerne. Wenn Facebook erkennt, dass ich auf der Seite bin, wenn ich einen Link bei Facebook teilen will: Äh, ja?! Wie sonst soll das gehen? Warum ist das jetzt illegal? Es geht einfach nicht in meinen Kopf. Und vor allem finde ich es absurd, dass Leute das tatsächlich für den richtigen Schritt halten. Wieso ist es besser, die Komfortabilität aller einzuschränken, für vielleicht etwas mehr Schutz, der uns im Endeffekt was bringt? Genau, nichts. Denn wir werden in unserem Alltag eh nur die schlechten Seiten erleben. Wenn jemand unsere Daten verarbeitet, bekommen wir doch eh nichts davon mit. In den seltensten Fällen betrifft es uns. (Wie gesagt, ich bin gegen das Verkaufen meiner Daten. Aber zu sehen, wenn ich eine Seite angeklickt habe, zu sehen, dass ich einen Blog gelesen habe? Das halte ich für etwas Positives.)

Warum es dennoch belastet

Die Diskussion ging bei Twitter so weit, dass mir jemand sagte, es sei gut, dass ich keine Entscheidungsgewalt habe. Und das war ein Satz, der mich auch Stunden später immer noch zum Heulen bringt. Ich weiß, dass es nicht böse gemeint war. Aber er hielt mir wieder vor Augen, wie völlig fehl am Platz ich mich in der Menschheit fühle. Wenn die Leute nicht sehen, wie völlig BESCHEUERT dieses Gesetz ist, es sogar als richtigen Schritt feiern … Für einen kurzen Moment wollte ich lieber tot sein, als in so einer Welt zu leben. In einer Welt, in der ich nicht nur nichts zu sagen habe, meine Meinung und mein daran geknüpftes Wohlergehen nicht nur den Mächtigen, sondern ALLEN scheißegal ist, sondern alle die Dinge auch anders sehen als ich.

Ich habe gemerkt, wie ich alles hinschmeißen wollte. Nicht nur den Blog. Auch das Leben. Einen kurzen Moment lang. Erst aus Verzweiflung und Verletzung. Dann aus Protest gegen ein Gesetz und die – von mir so wahrgenommene – Dummheit meiner Spezies.

Der Moment hat nicht lange gedauert. Ich zog die Notbremse. Ich sagte mir, dass das natürlich nur eine Überreaktion ist. Zumal ein solcher Protest von niemandem ernstgenommen werden würde, erst recht nicht bei mir, jemandem, der schon wegen Depression in Behandlung war.

Aber auch, dass damit nur wenig gewonnen wäre. Ich hätte meine Ruhe, ja. (Und glaubt mir, DER Gedanke ist an jedem einzelnen Tag verlockend, weil mich dieser Planet fast täglich ankotzt.) Aber … wer liest dann all meine Bücher? Ich doch nicht. Und ich hab sie mir doch gekauft, weil ich sie lesen will. Weil ich über sie sprechen will.

Psychohygiene?

Also ist mein Ausscheiden aus dieser Welt nur wegen so einem verkackten Gesetz keine Option. Da ich aber gemerkt habe, wie eben jenes mich seit Februar kontinuierlich fertig macht, und ich in den letzten Tagen richtig auf dem Zahnfleisch gehe deshalb (fast wortwörtlich, mein noch erhöhter Zuckerkonsum kann sicher auch nicht gesund fürs Zahnfleisch sein), MUSSTE ich etwas ändern. MUSSTE ich Druck rausnehmen.

Mir ist durchaus klar, dass dies auch eine Überreaktion ist. Dass es vielleicht absolut lächerlich ist. ABER dies ist eine Überreaktion, die mir Zeit verschafft und rückgängig zu machen ist.

Wenn ich meinen Blog nun mit einem Passwort versehe – wobei ich damit noch eine Woche warte, damit dieser Beitrag auch bei allen ankommt, die daran interessiert sind -, dann kann ich in aller Ruhe die ersten Urteile und Nachbesserungen abwarten und gleichzeitig trotzdem dem nachgehen, was mir vor diesem Gesetz Freude bereitet hat und es hoffentlich ab der Entscheidung heute wieder tut. Ich kann schauen, ob Deutschland, wie Österreich vor ein paar Tagen, endlich zurückrudert, und zumindest uns Blogger – also redaktionelle oder künstlerische Medien – von der Straffähigkeit befreit. Ob WordPress sein System so anpasst, dass es dem Gesetz entspricht, ohne dass man unzählige Plugins installieren muss. (Bei mir sind es aktuell 8 nötige, und ich bin noch NICHT völlig fertig.) All das, ohne das schlechte Gewissen haben zu müssen, etwas ungesetzliches zu tun, nur, ohne dass es jemand merkt. Ohne den Zeitdruck. Ohne die Verwirrung, was denn jetzt wirklich auf uns zutrifft, oder nicht.

Vielleicht ist dieser feurige Hass weg, wenn der Druck geht, und ich geh mit neuem Elan daran, das Gesetz zu erfüllen, bin sogar rechtzeitig fertig und zurück? Ich weiß es nicht. Aber für den Moment:

Am 10. Mai werde ich diesen Blog auf ‚privat‘ stellen und mit einem Passwort schützen. Dieses Passwort gebe ich gern jedem, der weiter mitlesen möchte. Das SOLLTE dann eine Ausnahme im Rahmen des Gesetzes sein und somit NICHT der DSGVO unterliegen.

Ich freue mich, wenn ihr solange weiter mitlesen wollt, verstehe aber auch, wenn keiner Lust hat, Blogs extra deshalb zu besuchen.

Falls doch bin ich erreichbar unter Twitter, Facebook und blog@blog.letemeatbooks.de – und werde auf meinen Social Media-Accounts sicher auch sagen, sollte ich in der Zeit privat irgendetwas Interessantes bloggen, so dass man gern auch nachträglich nach dem Passwort fragen kann.

Bis dahin: Haltet die Ohren steif.

 

PS: Nein, liebe mitlesende Familie, ihr müsst euch KEINE Sorgen um mich machen. Ihr müsst mich jetzt weder mit Nachrichten belagern, noch sonst was. Kekse und Schokolade sind aber gern gesehen.

2 Gedanken zu “Warum ich den Blog erst einmal mit einem Passwort versehen werde

  1. Hallöchen,

    ich kann diesen Schritt nachvollziehen. Auch ich bin noch sehr unsicher was die DSGVO angeht. Es ist halt Schade, dass es nirgends einen wirklichen Leitfaden gibt, was geht und was nicht geht.
    Allerdings will ich versuchen dir den Standpunkt der Datensammelgegner versuchen mit einem Beispiel näher zu bringen. Für diese ist es halt auch etwas mit der Befürchtung was mit unseren Daten alles gemacht werden können. Vor der Machtergreifung Hitlers und des zweiten Weltkriegs wurde in den Niederlanden eine Datenerhebung gemacht, in der neben Adresse und Name auch die Konfession vermerkt war. Nach Kriegsbeginn und dem Einmarsch in die Niederlande, konnte Hitler ganz schnell herausfinden, wo die Juden leben.
    Auch wenn ich hoffe, dass es nicht mehr zu so etwas extremen kommt, weiß man halt nie, was mit den gekauften Daten passiert.

    Viele Grüße
    Abigail

    • Huhu Abigail,

      einerseits ist das schon ein Argument. Aber andererseits hilft die DSGVO dagegen ja gar nicht. Denn Facebook und Co dürfen immer noch lustig unsere Daten sammeln, der Staat darf immer noch sehr viel im Einwohnermeldeamt erfragen und speichern. Und die Bürger werden immer noch nicht vor dem Verkauf ihrer Daten durch Global Player oder Hacker bewahrt. Einzig der kleine Bürger selbst,sowie kleine, hier ansässige Firmen, sind wirklich von der Regelung betroffen. Und auch da eigentlich nur mit Daten, die niemandem wirklich viel bringen. Ja, man kann Werbung damit personalisieren, Marktforschung mit betreiben. Aber mehr nicht. Unsere Filtergruppen, die man leicht manipulieren kann, erschaffen wir in unseren sozialen Netzwerken selbst. Und die wirklich sensiblen Daten geben wir da und in Onlineshops, etc. freiwillig ein. Die, die uns wirklich zum Verhängnis werden könnten.

      Außerdem nimmt der Staat damit den Druck von eben Facebook und Co., indem er die Kleinen, die eigentlich gar nicht selbst so viel sammeln, in die Verantwortung nimmt. Nicht sagt ‚Ihr Großen dürft nicht mehr durch Fonts und Plugins Daten klauen‘, sondern ‚Ihr Kleinen müsst verhindern, dass jemand ohne euer Wissen bei euch Daten klaut‘. Das ist völlig absurd. Zumal es, wenn man sich wirklich nicht an die großen Kraken traut, einfacher ginge. Man könnte es einfach jedem Bürger selbst überlassen, aber informieren, WIE man anonym surfen kann. Das ist schließlich technisch weitestgehend möglich (und leichter umsetzbar). Dann sind nicht die Websitebetreiber Schuld, sondern jeder muss für sich selbst entscheiden, wie wichtig ihm seine Daten sind.

      Es würde fast komplett die selbe Gruppe Menschen treffen, weil eh schon fast jeder eine eigene Website betreibt (und die wenigen Ausnahmen, wo die DSGVO nicht greift, eigentlich kaum existieren). Aber es wäre leichter umsetzbar und würde das Angebot im Internet nicht so drastisch verändern und erschweren.

      Daher … finde ich, dass die DSGVO einfach ein Griff ins Klo ist. Man wollte vielleicht das Richtige tun, hat es aber völlig falsch angepackt. Der Bürger ist jetzt auch nicht sicherer. All die wirklich wichtigen Daten dürfen immer noch abgegriffen und gespeichert werden. Sogar verkauft, weil für die meisten Global Player die DSGVO nicht mal greift. Hacker können immer noch unsere Kontodaten und Co. herausfinden. Wir sind immer noch genauso leicht zu manipulieren wie vorher. Man kann nur nicht mehr so leicht ein Forum oder eine Website erstellen. Und es werden die Unschuldigen bestraft, die von den Datenkraken nur als Mittel zum Zweck missbraucht werden, statt die eigentlichen Probleme in den Griff zu kriegen.

      Aber an der Lage unserer Daten ändert sich eigentlich genau nichts.

      LG
      Taaya

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