Lin Rina – Animant Crumbs Staubchronik

Animant Crumbs StaubchronikBuchdetails

  • Erinnert an: Stolz und Vorurteil, generell Jane Austen
  • Genre: Historischer Roman, Romanze, (kleines bisschen Steampunk)
  • Erscheinungsdatum: 2017
  • Verlag: Drachenmond
  • ISBN: 9783959913911
  • Taschenbuch 552 Seiten
  • Sprache: Deutsch
  • Trigger: // (Keine, die ich jetzt zu benennen wüsste. Wenn euch einer aufgefallen ist, gern in die Kommentare, damit ich ihn nachtragen kann)
  • Positiv: Aufbrechen von Standes-, Geschlechter-, und Religionsvorurteilen, positiver Umgang mit Behinderung

Inhalt: 

Eigentlich möchte Animant Crumb, Ende des 19. Jahrhunderts wohlhabend und behütet auf dem Land aufgewachsen, ihr Leben nur in ihrem abgewetzten Sessel verbringen und lesen. Bücher sind ihr weit lieber als Menschen, besonders, wenn ihre Mutter sie wieder einmal auf eine Abendveranstaltung zwingt, wo man als Frau auch noch jeden Funken Intelligenz verbergen muss, um heiratswillige Männer nicht zu verschrecken. Dabei will sie doch gar nicht verheiratet werden.

Dennoch macht ihr das Angebot ihres Onkels erst einmal Sorgen. Für einen Monat soll sie mit ihm nach London gehen und dort arbeiten. Als wäre das nicht eh schon Skandal genug, dass eine wohlhabende Frau arbeitet, soll sie ihm damit außerdem helfen, jemandem eins auszuwischen. Denn ihr künftiger Chef, Bibliothekar der Universitätsbibliothek, hat bisher jeden Assistenten vergrault, der ihm bewilligt worden war. Die meisten sogar schon innerhalb eines Tages. Und jetzt soll ihm Animant vor die Nase gesetzt werden. Einen ganzen Monat lang, in dem er ihr nicht kündigen darf?

Doch nicht nur ein unhöflicher Chef wartet dort auf sie. Auch ihr Bruder, der seine Verlobte versteckt halten muss, ein Mann, der ihr sein Herz etwas zu stürmisch zu Füßen legt, und jede Menge Erfahrungen, die ihr so sorgfältig behütetes Weltbild ins Wanken geraten lassen.

 

Aufbau:

Dieses Buch ist nichts für Leute, die Action mögen. Nicht einmal Spannung in dem Sinne kommt viel im Buch auf. Der Erzählstil ist ruhig und langsam, besinnlich. Und dennoch hätte das Buch – zumindest für mich – noch doppelt so lang sein können, ohne je langweilig zu werden.

 

Charaktere: 

Animant Crumb als Hauptcharakter ist auf den eineinhalbten Blick zunächst schwierig. Lernt man sie erst als eine junge Frau kennen, die lieber in Büchern als in der Realität wohnen würde – also etwas, womit sich viele Buchblogger wohl identifizieren können -, schaut sie bald auf Leute herab. Weil sie nicht so belesen sind und sich dennoch für klug halten. Weil sie schockiert sind, dass Frauen intelligent sein können. Weil sie nicht so höflich sind, wie sie selbst es gewohnt ist. Wenn man nicht selbst eine solche Phase im Leben hatte, ist es anfangs schwer, sie gern zu haben. Aber gerade das macht sie für die Geschichte wichtig, weil sie im großen London plötzlich immer mehr Eindrücken ausgesetzt ist, die ihr Bild vom Leben als solches bröckeln lassen. Um zu lernen, braucht es erst einmal einen Charakter, der diese Entwicklung noch nicht durchgemacht hat. Jemanden, der plötzlich feststellt, dass er bei all seiner Belesenheit nicht wirklich viel weiß – aber gewillt ist, sich auf Neues einzulassen.

Die anderen Charaktere sind dafür gut gewählt. Da gibt es Mr. Boyle, der die Gesellschaft verkörpert, die Animant gewohnt ist. Sicher, höflich, nett, und doch vielleicht etwas zu viel? Dann ist da die Verlobte von Animants Bruder, die unglaublich nett und schüchtern ist, und dennoch wegen eines winzigen Details beinahe die Familie zerstört, die noch tief verwurzelt in unsinnigen Ressentiments ist. Elisa wiederum (eventuell eine Anlehnung an Shaws Pygmalion?) ist ein Mädchen aus der Arbeiterklasse, der der Zugang zu Bildung gewährt wird, die aber dennoch an den Grenzen der Geschlechtsrollen ankommt und Animant vor Augen führt, wie viel Ungerechtigkeit in der Gesellschaft noch vorherrscht. Und letztlich ist da ihr Boss, Mr. Reed, der auch ganz anders ist, als es auf den ersten Blick scheint, und damit ihre Vorurteile aufbricht.

So beginnt für Animant erst, als sie all diesen neuen Eindrücken und anderen Sichtweisen aufs Leben ausgesetzt ist, der Prozess, wirklich ihre eigene Einstellung zu hinterfragen und über sich hinaus zu wachsen.

Meinung:

Ich liebe dieses Buch! Also wirklich, große Liebe. Ich versuche, etwas darin kritisch zu sehen, aber wenn überhaupt, ist das nur die Tatsache, dass Animant nicht dem Christentum abschwört, obwohl sie eigentlich recht aufgeklärt ist. Da die Autorin selbst aber christlich ist, … wäre das wohl zu viel verlangt.

Aber wir haben hier einem kritischen Blick auf eine Gesellschaft, in der es Reiche so viel besser haben als Arme, auf die Geschlechterrollen und auf die Ablehnung bestimmter Religionen nur aus Vorurteilen heraus. (Den Schuh muss ich mir wohl auch anziehen, kann ich doch mit Religionen insgesamt nicht viel anfangen, wie man wohl eben schon las.) Und all das so kunstvoll in die Geschichte eingearbeitet, dass es weder überdramatisch noch wie ein erhobener Zeigefinger wirkt. Auch Behinderung wird letztlich am Rande erwähnt, wenn auch eine, die man in Medien eher häufig sieht – das Stottern. Aber auch sie ist beiläufig erwähnt, ohne dadurch ihre Relevanz in der Geschichte zu verlieren, und macht nur einen Charakter runder als er vorher war, ohne sich nur auf diese eine Eigenschaft von ihm zu konzentrieren.

Und all das wird umspannt von einer Liebesgeschichte, die ein bisschen an Jane Austen erinnert, in einem Roman, der sich liest, wie ein regnerischer Nachmittag mit Tee, Decke und Wärmflasche. Kuschelig und schön und so beruhigend in der Hektik und übermäßigen Action, die man sonst auf dem Büchermarkt so hat.

Einzig der Steampunkanteil war vielleicht ein bisschen klein – allerdings auch nur in Hinsicht darauf, dass der Roman in einem Fantasyverlag erschien. Mir persönlich hat nichts gefehlt, ich hätte das Buch lediglich einem anderen Genre zugeordnet.

 

Fazit: 

Davon braucht der Buchmarkt dringend mehr. Ruhig, besinnlich, ohne das ständige Gut gegen Böse. Einfach ein Buch, um sich emotional darin einzukuscheln.

 

Meinungen anderer Blogger: 

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