Behinderung in Literatur – was ich gerne noch lesen würde

Lange habe ich überlegt, was ich zum Disability Pride Month schreiben kann, was einerseits mit Büchern zu tun hat und andererseits nicht nur ein Wiederkäuen von älteren Inhalten ist.

Also heiße ich euch jetzt willkommen zu einem Beitrag dazu, was ich gern über Behinderung noch in Fiktion, also Romanen, lesen möchte.


Dazu aber erstmal eine Triggerwarnung, denn ich spreche auch über die Thematik des Suizid und Sterbehilfe.

Das wäre das Erste, was ich unbedingt mal lesen wollen würde. Nicht Suizid aufgrund von Depression, sondern rationalen Suizid. Kennt ihr nicht? Ja, in Deutschland ist das noch kein Thema, während in UK schon seit einer Weile dazu geforscht wird. Dort wie auch hier verbindet man damit zunächst einmal vor allem Sterbehilfe, also assistierten Suizid, aber immer mehr geht der Fokus auch zu Menschen mit kognitiven Besonderheiten, die aus rationalen Abwägungen zu dem Schluss kommen, dass sie nun, oder zu einem bestimmten Zeitpunkt, wenn sie alles erreicht haben, was sie wollen, abtreten möchten.
Das würde ich gern einmal in einem Roman betrachtet sehen. Dass Suizid nicht immer nur aus Depression oder aber wegen starker Schmerzen und tödlicher Krankheiten ein Wunsch wird. Aber vielleicht auch mit den moralischen Abwägungen, dass es vorher Tests gibt, ob nicht doch eine behandelbare Krankheit dahinter steckt? Dann ginge es in Richtung spekulative Fiktion/SciFi.

Dann wäre auch mal der tatsächliche Behördenwahnsinn eine Betrachtung in Romanform wert. Der Kampf einer behinderten Hauptfigur gegen die Windmühlen der deutschen Behörden, wo die Ämter selbst nicht wissen, wofür sie zuständig sind und man von Pontius zu Pilatus geschickt wird. Vielleicht kann man das etwas satirisch aufbauen? Oder aber auf den unendlichen Behördenfluren findet man die große Liebe und stellt sich gemeinsam dem Unsinn deutscher Behörden? (Oder ein grusliger Psychothriller, wo jemand irgendwann die Behördenwillkür und die Irrungen der Ämter satt hat und daraufhin beginnt, sich zu rächen? Normalerweise nicht mein Genre, aber in dem Fall würde ich das verstehen und hätte das vielleicht gern aus Sicht des Behinderten, während der Roman so geschrieben ist, dass die Sympathie der Lesenden trotz der Verbrechen bei der Hauptfigur liegen.)

Wie wäre es mal mit behinderten Superhelden. Also ohne, dass die Behinderung Teil der Superheldenfähigkeiten sind (wie bei Rogue von X-Men, deren Fähigkeit verhindert, dass sie Leute berühren kann, was sie im Leben stark einschränkt), aber gleichzeitig auch ohne, dass die Behinderung ein Zeichen für Auserwähltsein ist, das man gefälligst deswegen toll zu finden hat. Ja, gut, Professor Xavier (wieder X-Men) ist auch behindert und da kam die Behinderung erst später im Leben. Aber gebt uns mehr davon. Wie wäre es mit normalen, behinderten Menschen, die sich durch Selbsthilfegruppe oder so treffen, und erst später in der Geschichte oder Technik Superkräfte bekommen und statt gegen Superschurken für soziale Gerechtigkeit kämpfen? Wobei behinderte Superschurken auch toll wären. Hm!

Liebesgeschichten, in denen a) die Liebe nichts, aber absolut gar nichts, heilt. Wo die Behinderung einer oder mehrerer Beteiligter der Beziehung Hürden mit sich bringt, die Charaktere auch mal an den Rand ihrer Kräfte bringt, sie aber nicht aufgeben und das zusammen durchstehen. Denn Behinderung ist weder nur mitleiderregende Grausamkeit, noch inspirierender Hopeporn für Nicht-Behinderte, sondern spielt sich irgendwo dazwischen ab. Und dieses Spektrum zwischen Verzweiflung durch die eigenen Grenzen und Über-Sich-Hinauswachsen und für einen erst unmöglich Scheinendes zu überwinden, könnte einfach mal in vollem Umfang in einem Roman abgebildet werden.

Mehrfachbehinderung! Und zwar nicht nur Depression und generalisierte Angststörung. Nicht falsch verstehen, beides ist scheiße. Aber obwohl es beides einzeln gibt, gibt es sie sehr oft eben doch zusammen und sie ergänzen sich sehr ‚gut’. Und auch nur eine körperliche/geistige/kognitive Behinderung oder Besonderheit und dazu Depression ist zu einfach, weil es die Depression durch Komorbidität oft umsonst dazu gibt. Nein, ich hätte gern Dinge, die nicht direkt zusammen gehören. Asthma und Arthrose? Dyslexie und Epilepsie? Reizblase und nur ein Auge *hust*? Und dazu noch Skoliose, Eisenmangel, Migräne, … na gut, nein. Während ich gern jemanden mit genau meinen Diagnosen lesen würde, wäre das vielleicht für Autor*innen etwas over the top. Selbst ich würde mich nicht an sowas trauen, weil ich Angst hätte, die Darstellung zu versauen – oder keinen Plot zwischen die ganzen Krankheiten gequetscht zu kriegen, ohne, dass das Buch 1000 Seiten kriegt und damit für mich selbst uninteressant wird.

Es gibt sicher noch dutzende andere Sachen, die in der Literatur noch fehlen, wenn es um Behinderung geht. Und so viele Rollen, in denen Behinderte noch toll zu lesen wären. Und so viel grundlegende Dinge, wie Behinderte, die ein glückliches Leben führen. Überhaupt Hauptcharaktere sind und agieren und nicht nur andere über sie reden und entscheiden. Aber das sind Dinge, die eigentlich selbstverständlich sein sollten und nicht als Wunsch erwähnt werden müssten, wenn alles mit rechten Dingen zuginge.

Hoffen wir einfach, dass es generell in Zukunft besser wird. Und, dass die Literatur allgemein diverser wird und nicht nur englischsprachige Jugendbücher – denn ausgerechnet Jugendbücher mag ich halt leider gar nicht.

Wir werden sehen.

2 Gedanken zu „Behinderung in Literatur – was ich gerne noch lesen würde“

  1. Hallöchen,

    zu deinem ersten Punkt “rationaler Suizid” ist mir gleich ein Buch eingefallen, dass in die Richtung gehen könnte: “Veronika beschließt zu sterben” – Paulo Coelho
    Die Hauptprota beschließt Selbstmord zu begehen, weil sie ihr Leben eintönig findet und sie nicht glaubt, dass sich in Zukunft daran etwas ändert. Sie überlebt den Versuch, hat aber jetzt einen Herzfehler an dem sie in nächsten Tagen oder Wochen sterben wird. Im Angesicht des Todes merkt sie, wie schon das Leben sein kann. Generell hat das Buch einen sehr lebensbejahenden Charakter.

    Viele Grüße
    Abigail

    Antworten
    • Huhu Abigail,

      schade, aber genau diesem ‘Aber das Leben ist doch so schön’ würde ich bei sowas gern aus dem Weg gehen. Das macht mich bei solchen Thematiken immer aggressiv, weil sich die Autoren damit dann immer gegen Suizid insgesamt positionieren und es gleichzeitig so belehrend wirkt. Was bei Suizid aus Depression voll okay ist, denn ja, wenn eine Krankheit das Denken verändert, gehört sie bekämpft und man muss darauf aufmerksam machen, dass der Wunsch nicht ‘real’ ist. Aber das trifft eben nicht immer zu und ich wünschte, Autoren würden da endlich zu differenzieren lernen. (Besonders, weil das eine sehr christliche Einstellung ist. Kulturen der Antike hatten da noch ein anderes Herangehen an das Thema. Und mit Christentum kann man mich generell jagen.)

      Liebe Grüße

      Antworten

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