Die Unlogik der Bücherwürmer

Für diesen Beitrag muss ich das Heft an Mr. Spock weitergeben. Er mag nur eine Actionfigur sein, weder Seele, noch Bewusstsein haben, nicht selbst sprechen oder sich alleine bewegen können. Aber er erinnert mich immer wieder daran, wie unlogisch ich mich verhalte. Er ist wohl am besten geeignet, mir meine Fehler vor Augen zu halten. Also, Mr. Spock, übernehmen Sie.

 

 

Vorläufiger Abschlussbericht der Untersuchung von ‚Taaya‘, Spezies: Bücherwurm.

 

Grüße, Leser. Heute möchte ich meinen vorläufigen Bericht zur durchgeführten – teilnehmenden, fürchte ich – Beobachtung eines Bücherwurms präsentieren und so abschließend an die Sternenflotte senden.

Während der Bücherwurm an sich bereits als eine sehr hoch entwickelte Spezies bekannt ist, muss ich doch einige Widersprüche in seinem Verhalten aufzeigen. Dabei ist es möglich, dass dies Besonderheiten meines gewählten Exemplars sind. Einige Punkte weiß ich aber auch schon von meinen Kollegen untermauert, so dass anzunehmen ist, dass der Bücherwurm an sich, trotz seiner nicht zu leugnenden mindestens menschenähnlichen Intelligenz, ein höchst unlogisches Wesen ist.

Hier eine Auflistung der Eigenschaften, die für mich weiterer Forschung bedürfen:

  • Der Bücherwurm kauft gern neue Bücher, obwohl er noch unzählige ungelesene Werke besitzt

    Hierzu Beweisstück A.Der von mir ausgewählte Bücherwurm zum Beispiel besitzt etwa 180 Bücher, die er noch nicht konsumiert hat. Dennoch kauft er in erstaunlicher Regelmäßigkeit neue Werke, sogar gegen seine eigene, offen ausgesprochene Meinung, keine neuen Bücher zu benötigen.
    Allerdings konnte ich keine Anzeichen für eine multiple Persönlichkeitsstörung oder andere psychische Erkrankungen finden, die erklären, warum der Bücherwurm das eine sagt, aber auf die andere Art handelt.

    Und wenn er einmal keine neuen Bücher kauft, neigt er dazu, bereits gelesene Exemplare erneut zu konsumieren. Ein mir völlig unverständliches Verhalten. Hier bräuchte es eine Untersuchung durch einen Neurologen, deutet dies doch auf ein besonders schlechtes Gedächtnis hin. Zumal dies einer der Befunde ist, die meine Kollegen auch bei der Untersuchung anderer Bücherwürmer belegen konnten.

  • Der Bücherwurm scheut sich nicht. 10 Euro für ein Taschenbuch auszugeben, zögert aber bereits, wenn ein von ihm gewünschtes Ebook im Preis von 99 Cent auf drei Euro steigt.

    Gerade hat der von mir beobachtete Bücherwurm ein Buch entdeckt, dass ihn interessiert. Es war zeitweise auf 99 Cent reduziert, aber er hat noch gezögert. Kurz darauf war der Preis um zwei Euro, die örtliche Währung, gestiegen. Nun schien der Bücherwurm vom Kauf Abstand zu nehmen. Gleichzeitig versuchte er aber, das Buch in Form einer Taschenbuch-Bindung zu erwerben, was in diesem Fall acht Euro gekostet hätte.

    Es erscheint mir unlogisch, warum das gleiche Produkt für etwa einen und für acht Euro interessant und sein Geld wert ist, für drei Euro aber nicht. Gerade in Anbetracht der Tatsache, dass der Bücherwurm selbst schreibt und daher wissen sollte, dass ein Buch lieber nicht zu wenig kosten sollte, wenn man es neu erwirbt, da der Autor sonst davon nicht leben kann.

  • Es werden Bücher gekauft, von denen man ahnt, dass sie einem nicht gefallen.

    Obwohl er annahm. dass das Buch von geringer Qualität sein würde und vielleicht sogar ein billiges Plagiat eines Produkts, das der Wurm schätzt, erwarb er ein Buch und wunderte sich dann noch darüber, dass seine Vermutung zutraf. Ein faszinierendes und gleichzeitig verstörendes Verhalten. Es scheint auf einen angeborenen Masochismus hinzudeuten. Das Wesen scheint gern zu leiden. Andere Beispiele dafür sind, dass es lieber Bücher liest, die es erzürnen und andere negative Emotionen wecken, als Bücher, die es langweilen.

  • Gegen Amazon wettern und dort nicht kaufen wollen, aber sich freuen, wenn Wunschlistenbücher kostenlos in der Kindle-Leihbibliothek zu finden sind erscheint ihm nicht widersprüchlich.

    Auch hier lässt mich die beobachtete Lebensform ohne Erklärung zurück. So ist der Bücherwurm ein Verfechter davon, Autoren finanziell zu unterstützen und wirbt für den lokalen Buchhandel. Wenn sich ihm aber die Möglichkeit bietet, etwas umsonst zu bekommen und das Angebot von der Firma stammt, die es sonst beinahe religiös verteufelt, vergisst er seine Vorsätze und eigenen Versuche, Andere ebenfalls zu bekehren.

  • Es wird ein ungesundes Horten an den Tag gelegt, das zu einer Art Leidensdruck führt, aber dennoch nicht überdacht wird.

    Auch hier konnte ich in Absprache mit meinen Kollegen feststellen, dass es sich hierbei um ein unter der Spezies der Bücherwürmer weit verbreitetes Merkmal handelt. So beklagen sie immer wieder, dass sie keinen Platz haben, weil ihre Bauten mit Büchern gefüllt sind, scheinen aber dennoch nicht willens, Bücher fort zu geben, oder zumindest mit dem Kauf neuer Bücher aufzuhören.
    Ich gebe zu, das führt zu unerwarteter Kreativität bei dieser Spezies. Das von mir beobachtete Exemplar füllt beispielsweise schon Sitzgelegenheiten und Schubladen mit Büchern. Außerdem baut es, obwohl es offensichtlich keinerlei Talent besitzt, aus den ihm zur Verfügung stehenden Materialien weitere Aufbewahrungsmöglichkeiten für neuere Bücher. Es scheint auch gewillt zu sein, auf beinahe unwürdig wenig Freifläche zu leben, solange der übrige Platz mit Büchern ausgefüllt ist.

  • Wenige Cent sind kein ausreichender Erlös, deshalb werden Bücher kostenlos abgegeben.

    Hat sich der Bücherwurm bisher vor allem durch Geiz ausgezeichnet, scheint hier ein soziales Verhalten zu Grunde zu liegen. Wenn es doch einmal Bücher abgibt, weil es bemerkt, dass es durch Käufe oder Beschwerden über zu wenig Platz nicht etwa mehr Platz zur Verfügung hat, so schaut es zunächst bei einer Plattform nach. Wird dort aber ein Preis geboten, der ihm zu gering erscheint, sucht es in seinem sozialen Umfeld Abnehmer. Führt auch das nicht zum Erfolg, stellt es die Bücher, ohne einen Erlös dadurch zu erlangen, in ein so genanntes offenes Bücherregal. Das ist ein Ort des Austauschs, an dem Bücherwürmer und verwandte Spezies die bereits gelesenen und nicht mehr erwünschten eigenen Bücher gegen die Anderer tauchen können.
    Und obwohl der von mir beobachtete Bücherwurm dabei, auch unter Einbeziehung der von ihm dort erlangten neuen Bücher, bereits einige Euro Verlust gemacht haben dürfte, erscheint ihm das Prinzip noch immer attraktiv.

  • Warum lesen, was man besitzt, wenn man hören kann, was man leiht? 

    Nach diesem Prinzip geht der Bücherwurm oft vor. Er sucht lange nach einer Printausgabe eines Buches, das ihn interessiert. Wenn es diese aber besitzt, wird sie nicht nur nicht gleich gelesen. Jetzt erst schaut es in einer Online-Ausleihplattform einer Bibliothek nach, ob das gleiche Buch auch von jemand anderem gelesen vorliegt. Ist dies der Fall, hört der Bücherwurm lieber dieses so genannte Hörbuch, anstatt das bereits in seinem Besitz befindliche und lange gesuchte Buch zu lesen. Dies wird in den meisten Fällen auch nicht mehr nachgeholt.

  • Nutzloser Nestbautrieb.

    Vor bereits einem Jahr machte mein Beobachtungsobjekt Anstalten, sich ein Nest zu bauen, oder, wie es selbst sagt, eine Höhle.
    Hierzu Beweisstück B.
    Es hat viel Energie darin investiert, sich diesen Ort so gemütlich und geschützt wie möglich zu bauen. Hielt ich es erst für die Vorbereitung zur Fortpflanzung, belehrte mich der Bücherwurm doch bald, dass dies seine Lesehöhle sei. Ein Ort, um ungestört lesen zu können und sich dabei „einzukuscheln“. Seit dem habe ich den Wurm nur in Ausnahmefällen dort erlebt. Obwohl er lange daran gearbeitet hat, scheint er es nicht zu nutzen.
    Dabei konnte ich mich selbst davon überzeugen, dass dieser Ort für einen Bücherwurm angenehm komfortabel ist.

 

Für keine dieser Verhaltensweisen fällt mir eine ausreichend plausible Erklärung ein. Interessant wäre es, zu beobachten, ob die genannten Punkte nur beim weiblichen Bücherwurm zu beobachten sind. Auch wären tiefer gehende Analysen notwendig. Ich möchte aber darauf hinweisen, dass es sich beim Bücherwurm um eine empfindungsfähige und verhältnismäßig weit entwickelte Lebensform handelt. Nach den Gesetzen der Föderation haben sie also die gleichen Rechte wie jedes Mitgliedsvolk, weshalb sich medizinische Experimente ohne ihre Einwilligung ausschließen. Ich bitte daher um Verlängerung meines Forschungsauftrages, um weitere Erkenntnisse zu sammeln. Das von mir beobachtete weibliche Exemplar ist dabei hochkooperativ und benimmt sich nur dann feindselig, wenn man einen kleinen Anteil dessen erbittet, das es ‚Junkfood‘ nennt. Nachdem ich dies nun weiß, droht mir keinerlei Gefahr mehr und es wäre ratsam, die ohnehin schon etablierten Kontakte zwischen mir und dem Wesen weiter zu nutzen.

Ich erwarte weitere Befehle.

Unterzeichnet,

Spock

3 Gedanken zu “Die Unlogik der Bücherwürmer

  1. Hallo Mr. Spock,
    ihre Analyse war sehr aufschlussreich und dürfte auf viele der Exemplare Bücherwurm zutreffen. Bei mir tritt dieses Verhalten in Bezug auf Bücher eher beiläufig auf. Allerdings muss ich beobachten, dass ein sehr ähnliches Verhalten bei mir in Bezug auf Comics vermehrt auftritt. Dieses versuche ich zunehmend selbst zu analysieren.
    Ich wünsche ihnen weiterhin viel Erfolg bei ihren Forschungen.
    Leben sie lang und in Frieden.
    Ariane

  2. Entlarvt! Leider kann ich diese seltsamen Verhaltensweisen auch nicht erklären.
    Zu Punkt 1 kann ich nur vermuten, dass „Tsundoku“ eine Krankheit sein muss, mit der ich mich etwa zur Zeit meines ersten selbst verdienten Geldes angesteckt haben muss.

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