Kurzrezensionen Oktober/November 2020 (Jehanzeb, Ibbotson und Kingfisher)

In letzter Zeit weiß ich immer zu wenig über gelesene Bücher zu sagen, um eine ganze Rezension zu füllen. Also wird es mal wieder Zeit, mein Format der gesammelten Kurzrezensionen ein wenig wiederzubeleben. Denn einige meiner letzten Titel waren Selfpublisher*innen und … da fühlt man sich dann doch schlecht, wenn man das Buch mochte und dennoch nicht zu mehr Aufmerksamkeit verhilft.

Was Preema nicht weißWas Preema nicht weiß | Sameena Jehanzeb | 2020 | SciFi/Schicksalsroman | Selfpublished | 360 Seiten

Preema wacht im Nichts auf, ohne Gegenstände, ohne Schwerkraft, ohne Kleidung, aber vor allem auch ohne Erinnerung. Bald trifft sie auf jemanden, der auch dort gestrandet ist – aber auch weiß, dass es an diesem seltsamen Ort noch mehr gibt – eine paradiesische Insel, wo alle Gestrandeten früher oder später landen.

Dort kommen ihre Erinnerungen langsam und in Bruchstücken zurück und werfen die Frage auf: Was ist hier geschehen? Wo ist sie? Ist die Welt wirklich untergegangen, ist sie in einem Computerprogramm, oder wurde sie vielleicht doch von Aliens entführt?

Die Geschichte bietet eine bisexuelle Protagonistin of Colour, psychologische Traumata und damit einhergehende Einschränkungen, die gut dargestellt sind. Zwar finde ich es etwas schade, dass es in Romanen immer schlecht ist, nicht das Haus verlassen zu können, aber hier ist das – im Gegensatz zu ‚Everything Everything‘ von Nicola Yoon – auf persönlicher Ebene erklärt und an Dingen, die dadurch komplizierter werden, gut und schlüssig dargelegt und es wird nicht verallgemeinert, dass ein solches Leben ja eh nicht lebenswert sei.

Wie eigentlich immer hatte ich etwas Probleme, nachzuvollziehen, warum Charaktere jetzt genau das denken, tun und fühlen, aber das ist bei mir ja eh Standard und abseits von der Protagonistin ist das hier tatsächlich auch ein gutes Stilmittel, um die Insel und ihre Bewohner noch etwas sonderbarer und geheimnisvoller zu machen. Zurecht als eines der besten Selfpublishing-Bücher des Jahres nominiert gewesen – und für mich auch unter den besten Büchern allgemein der letzten Jahre.

 


 

Das Geheimnis von Bahnsteig 13

 

Das Geheimnis von Bahnsteig 13 |Eva Ibbotson | Erstausgabe 1994 | Kinderbuch/Urban Fantasy  | dtv Junior | 221 Seiten

Entdeckt habe ich dieses Buch auf Twitter. Eine Buchhandlung hat eine Auslage von Büchern gemacht, die man probieren könnte, wenn man Harry Potter mag, aber JK Rowling nicht mehr unterstützen möchte – und unter den vorgeschlagenen Büchern war auch dieses hier.

Zurecht, denn es ist schon erstaunlich, wie vieles von Harry Potter sich hier wiederfindet – was bei mir mal wieder die Frage aufkommen lässt, ob You-Know-Who wirklich selbst auf ihre Werke gekommen ist – oder doch ein bisschen sehr viel bei anderen bekannten Kinderbuchautor*innen nach Inspiration gesucht hat. (Keiner kann mir erzählen, dass Snape nicht an Miss Hardbroom aus der Worst Witch-Reihe angelehnt war.)

Hier jedenfalls finden wir zwei Jungen, die im Haus einer schrecklichen Frau (mit desinteressiertem Ehemann) aufwachsen. Der eine Junge ist lieb und gutherzig, und muss alles erledigen, was an Arbeit anfällt. Der andere Junge wird verwöhnt (es gibt eine Dudley-Geburtstagsgeschenk-Szene …), ist dick bis hin zum Fatshaming, und ein kleiner Tyrann.  Dann haben wir den gutmütigen Riesen, der geistig etwas eingeschränkt ist und zusätzlich mit Dialekt spricht. (Nur, dass der Riese hier gleichzeitig noch eine schöne, wenn auch kurze Darstellung von Behinderung, insbesondere Einäugigkeit bietet.) Und der Zugang zur magischen Welt liegt in King’s Cross bei einem Gleis, das für Leute, die davon nicht wissen, keine Bedeutung hat.

König und Königin der magischen Welt haben einen Jungen geboren. Dessen Kindermädchen kamen aus der Welt der Normalsterblichen und als sie einmal kurz dorthin zurück wollten, um noch einmal Fish und Chips zu essen, wird der Junge entführt. Als Jahre später endlich ein Retterteam dort ankommt, wohin der Junge verschleppt wurde, sind sie geschockt. Der Knirps benimmt sich wie ein ziemliches Arschloch und Magie ist ihm egal. Aber er muss doch nach Hause zu seinen Eltern. Zusammen mit dem netten Dienstjungen entwickeln die Retter einen Plan.

Wie die Geschichte ausgehen wird, ist sehr schnell offensichtlich und vieles ist für Erwachsene einfach zu seicht, ohne interne Logik, weshalb dieses Buch nicht als All-Ager geeignet ist, in meinen Augen. Es war nicht schlecht und hat Spaß gemacht – aber eher, weil ich mit diebischer Freunde all das entdeckt habe, was ein paar Jahre später in anderen, bekannteren Romanen wiederverwendet wurde.

Für Kinder so um die 8 oder 10 glaube ich aber, dass das Buch ganz spannend ist.


 

A Wizard's Guide To Defensive BakingA Wizard’s Guide to Defensive Baking | T. Kingfisher | 2020 | Kinderbuch/historische Fantasy | Selfpublished | 289 Seiten

Ich war erstaunt, wie düster das Buch war.

Als Mona früh morgens in die Bäckerei ihrer Tante kommt, findet sie die Leiche eines jungen Mädchens in der Backstube. Als ob das nicht schon schlimm genug wäre, wird sie selbst wegen Mordes abgeführt – und das nur, weil sie eine Zauberin ist. In einer Stadt, in der Zauberei doch legal ist, ja, sogar einer der wichtigsten Berater der Herzogin Zauberer ist!

Dieser sorgt auch gleich dafür, dass Mona wieder freigelassen wird, aber als mehr und mehr Zauberer verschwinden und sie auch erfährt, dass die Ermordete Magie beherrschte, wird ihr klar, dass sie in Gefahr ist. Und nicht nur sie.

Dieses Buch, was eigentlich nach locker-flockiger Feelgood-Fantasy klang, hat sich als deutlich düsterer als erwartet entpuppt. Verschwörungen, Mord, Krieg und so einiges an Gesellschaftskritik. Und gleichzeitig war es … locker-flockige Feelgood-Fantasy. Denn wie sonst nennt man es, wenn ein Sauerteig-Starter seine Bäckerin verteidigt, und ein Lebkuchenmann eifersüchtig auf einen Brotfigurenzirkus wird? Dieses Buch kombinierte Humor und herrliche Albernheit mit ernsthaften Themen wie Traumata, Propaganda, Fremdenfeindlichkeit (gegen Zauberer) und was Politik tun und nicht tun sollte. Es hat unglaublich Spaß gemacht, das zu lesen, auch, wenn ich dieses Buch eigentlich gekauft hatte, weil ich mich nach was völlig Anderem gesehnt habe (nämlich gemütliche Fantasy ohne große Verschwörungen und Gefahren, die gleich ein ganzes Land bedrohen). Große Empfehlung für alle, die Englisch beherrschen – und ich hoffe, irgendein Verlag sichert sich die Rechte an einer deutschen Übersetzung. Das wäre toll.

Das hier ist aber doch eher ab 14, auch, wenn die Protagonistin selbst erst 14 ist. Aber … Zombiepferde, Krieg, Mord … etwas zu heftig für die meisten Jüngeren.

 

 

 

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