Judith Pinnow – Die Phantasie der Schildkröte

Die Phantasie der SchildkröteBuchdetails

  • Erinnert an: Romane von Cecelia Ahern
  • Genre: Belletristik, mit etwas Romantik und einem winzigen Hauch Fantasy
  • Erscheinungsdatum: 2017
  • Verlag: Fischer Krüger
  • ISBN: 9783810530356
  • Hardcover 416 Seiten
  • Sprache: Deutsch
  • Trigger: eventuell liebloses Mutter-Kind-Verhältnis, Bodyshaming, vergangene Homophobie
  • Positiv anzumerken: Überwinden von Homophobie und Bodyshaming

 

 

Inhalt: 

Edith mag: Routinen, feste Strukturen und Monk. Edith mag nicht: Kinder. Dumm, dass sie ausgerechnet mit einem im Aufzug stecken bleibt. Die Kleine ist fest entschlossen, Edith Aufgaben zu stellen und eigentlich möchte die Mittvierzigerin auf keinen Fall mitspielen und das Kind möglichst auch nicht mehr sehen. Aber irgendwie erfüllt sie unfreiwillig die erste Aufgabe. Und zu ihrem Erstaunen ist das Ergebnis positiv. Soll sie auch die nächsten Aufgaben erfüllen? Und warum wächst ihr das Kind doch immer mehr ans Herz, obwohl es doch ihre Routinen durchbricht und ihr Leben auf den Kopf stellt?

 

Charaktere: 

Edith wirkt autistisch und ein wenig zwangsneurotisch, wird aber leider nie diagnostiziert, was eine ziemliche verspielte Chance ist. Sie macht sich gern über Monk lustig, wenn er sozial unbeholfen ist, muss aber feststellen, dass sie letztlich da wohl ähnlich ist. Dazu hat sie noch jede Menge Komplexe, die ihr ihre Mutter eingeredet hat. Schade ist, dass man nicht wirklich erfährt, was zu Beginn des Romans ihre Träume und Lebensziele sind, ob sie welche hat. Sonst wäre sie ein wirklich runder Charakter. Aber auch sonst ist sie recht gut aufgebaut.

Ähnlich sieht es mit der verschrobenen, alten Frau Knoppel aus, die im Erdgeschoss wohnt. Zu hundert Prozent greifbar ist sie nicht, wird aber doch mit einigen liebevollen Details beschrieben, die sie sehr sympathisch machen.

Die anderen Charaktere bleiben eher blass, wenn auch nicht ganz flach, oder gar lieblos, wobei das bei Schneewittchen, dem Mädchen, für die Geschichte nötig ist, wie sich im Laufe des Buches noch zeigt.

 

Meinung:

Der Schreibstil gefällt mir sehr gut. Teils absurd, mit viel Liebe zum Detail. Was mich allerdings etwas gestört hat, ist einerseits, dass mit Ediths fehlender Diagnose eine Chance auf mehr offene Diversität verloren gegangen ist. Andererseits auch, dass ebenso die Chance verspielt wurde, sie asexuell zu machen. Stattdessen ist sie eine Mittvierzigerin, die noch nie Sex hatte, ihn eigentlich bisher auch nicht vermisste, ihn jetzt aber will, weil man ihr sagt, man wünscht ihr, dass sie Sex hat? Das ist nicht so wirklich gut gelungen.

Schön ist aber, dass hier zumindest kein „Liebe/Freundschaft heilt alle Krankheiten“ angewendet wird. Sie ist verschroben und hat Neurosen und auch, wenn sie immer mal wieder ihre Komfortzone verlassen muss, wird ihr doch gesagt, dass man sie MIT ihren Neurosen gern hat und sie die nicht ändern muss.

So beschreibt der Roman letztlich, wie Edith langsam aus ihrem Schneckenhaus – oder, im Bild bleibend, Schildkrötenpanzer – herauskommt und welche Erfolge und Rückschläge sie dabei erlebt. Und auch, wie sie lernt, dass sie sich zwar auf manche Menschen verlassen kann, das aber auf Dauer keine Einbahnstraße sein kann.

Da wünscht man sich fast, selbst mal mit Schneewittchen im Fahrstuhl stecken zu bleiben. Aber wirklich auch nur fast.
Fazit: 

Ein paar verschenkte Möglichkeiten, aber insgesamt ein schöner und auch runder Roman mit einigen gut ausgearbeiteten Charakteren.

 

Meinungen anderer Blogger: 

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